Alien

Für den ersten Beitrag in diesem Blog suchte ich mir einen denkbar schlechten Film aus – Alien 3. Nun kehre ich zum wesentlich besseren Beginn der Science-Fiction-Reihe zurück: Ridley Scotts Alien. Anlass dazu ist mein gestriger Besuch im Filmmuseum München, wo es seit einiger Zeit die Reihe „Film und Psychoanalyse“ gibt, die sich im Moment dem Thema „Helden“ widmet. Dort wurde zunächst der Film gezeigt, um anschließend eine Diskussion mit den beiden anwesenden Psychoanalytikern zu eröffnen.

Der Film:

Die Besatzung des Raumschiffs Nostromo wird vom Boardcomputer „Mother“ aus ihrem Kälteschlaf geweckt; die Rückkehr zur Erde ist zunächst abgebrochen, da von einem Planeten ein Notsignal empfangen wird. Teile der Crew machen sich auf den Weg, um die Lage auf diesem Planeten zu erkunden. Sie entdecken ein riesiges, sehr organisch wirkendes außerirdisches Raumschiff. Im Inneren findet sich zudem eine schier unendliche Ansammlung von Eiern. Aus einem dieser Eier springt eine Kreatur, die sich am Gesicht des Besatzungsmitgliedes Kane festklammert („Facehugger“). Durch eine Missachtung der Quarantänevorschriften gelangt Kane – und damit das Alien, welches sich in seinem Inneren später weiterentwickelt – in das Raumschiff. Von nun an beginnt ein Kampf ums Überleben, dem einer nach dem anderen erliegt.

Was erstmal wie ein x-beliebiger Monster-Slasher klingt, welcher zufälligerweise im Weltall spielt, hat doch mehr zu bieten:

  • Der Film bringt die wohl erste wahre Actionheldin des Kinos hervor. Und was für eine. Sigourney Weavers Ripley ist nicht die hysterisch kreischende Horrorfilmfrau; sie ist rational, stark und verliert dabei nicht ihre Weiblichkeit. Sie entwickelt sie im Laufe der Alien-Reihe zu einem hoch komplexen Charakter, der einer der wenigen Gründe ist, sich Teil 3 überhaupt anzusehen.
  • Das Set-Design ist atemberaubend. Das Raumschiff Nostromo wirkt dreckig und rostig. Die Gänge sind geradezu labyrinthisch. Mit der wahrgenommenen Enge wird eine erschreckend klaustrophobische Atmosphäre erzeugt. Das selten im Film zu sehende Alien, entworfen vom Schweizer Surrealisten Hansruedi Giger, übt, genauso wie das außerirdische Raumschiff, eine ungeheure Faszination auf den Zuschauer aus.
  • Die Musik, teilweise nur ein herzschlagähnliches Pochen, zusammen mit den Kamerafahrten durch die ungewohnten Welten, unterstützen die bedrohliche Atmosphäre des Films perfekt.

Die Diskussion:

Während im Programmheft zur Reihe „Film und Psychoanalyse“ des Filmmuseums die Bedrohung innerer Räume als psychoanalytisches Motiv des Films angesprochen wird (das Alien gelangt nicht nur in das Raumschiff, sondern schließlich auch in den menschlichen Körper), waren die Interpretationen in der Diskussionsrunde andere:

  • Die beiden anwesenden Psychoanalytiker interpretierten den Film vor allem im Lichte der Theorie Melanie Kleins, die schon Kleinkindern einen Lebens- und einen Todestrieb zugesteht. Diese werden in der Kindheit jedoch externalisiert, vor allem auf die Brust der Mutter. Es gibt also die gute Brust (lebensspendend und ernährend), genau wie die böse Brust, die nicht genug gibt. Die Besatzungmitglieder wollen alle Zugang zur scheinbar allwissenden „Mother“, dem Zentralcomputer. Ripley muss aber erfahren, dass eben diese Mutter das Leben des Aliens über das ihrer anderen „Kinder“ setzt. Aggressionen gegen die „böse Brust“, sowie das Alien als das von der Mutter bevorzugte Geschwisterteil resultieren. (Der Ansatz ist insofern interessant, als in Teil 2 sowohl Ripley als auch das Alien die Rolle der Mutter einnehmen.)
  • Ein weiterer Erklärungsansatz war die menschliche Gier: Die Gier der „Company“ ist es, die überhaupt dazu führt, dass die Besatzungsmitglieder aus ihrem Kälteschlaf geweckt werden, die Neugier der Besatzungsmitglieder führt zur Erkundung des außerirdischen Raumschiffes; und nicht zuletzt ist es wohl die Gier des Zuschauers, der – mithilfe der Kamera – als erstes das so organisch wirkende Raumschiff erkundet und der mehr von der Kreatur sehen will, die schließlich ins Verderben führt.
  • Schließlich wurden die sexuellen Motive des Films ausführlich diskutiert. Ist schon das Eindringen der Crew in das außerirdische Raumschiff als sexueller Akt zu verstehen, welcher mit der Befruchtung (im Grunde durch eine orale Vergewaltigung Kanes durch den „Facehugger“) endet? Das Alien würde dann schließlich auf der Nostromo von Kane geboren werden. Sexuelle Motive wurden in der Diskussion zuhauf entdeckt; am absurdesten war aber letztlich die Behauptung, die Abschlussszene im Shuttle wäre als Sex zwischen Ripley und dem Alien zu verstehen.

Es stellt sich die Frage, ob man „Alien“ überhaupt auf diese Weise interpretieren muss. Sicherlich kann man den Film auch als extrem gut gemachten Horrorfilm genießen, der auch nach über 30 Jahren noch recht effektiv ist. Und auch wenn ich von Psychoanalyse nicht sehr viel halte, so sind deren Ansätze bezüglich des Films doch sehr interessant.

Der Kultstatus und die Verehrung des Films lässt sich jedoch sicherlich auch dadurch erklären, dass man „Alien“ in jeder erdenklichen Weise interpretieren kann.

9/10

Advertisements