Gosford Park

Auf den ersten Blick ist „Gosford Park“ ein klassischer Whodunnit-Krimi, wie er von Agatha Christie hätte stammen können. Regiemeister Robert Altman (Short Cuts, „MASH“) legt aber weniger Wert auf die Mördersuche, sondern mehr auf die Sezierung der britischen Gesellschaft um 1930.

Sir William McCordle (Michael Gambon) und seine Frau Lady Sylvia (Kristin Scott Thomas) laden zu einer Jagdgesellschaft auf ihrem Wohnsitz Gosford Park eine ganze Reihe Verwandter und Bekannter ein, die allesamt finanziell von ihm abhängig sind. Im Schlepptau hat die versnobbte Gesellschaft („above stairs“) ihre Zofen und Diener, die „below stairs“. Dem Zuschauer werden so in den ersten Minuten um die 20 Charaktere vorgestellt, deren Beziehungen untereinander sich nach und nach erst zuordnen lassen.

Am zweiten Abend geschieht schließlich ein Mord, der die Geheimnisse der Anwesenden für den Zuschauer offenbart. Es geht um Intrigen, Erpressung, Affären und Abtreibungen. Er wird geklatscht und getratscht, sowohl in der adeligen Gesellschaft, als auch in der Dienerschaft. Robert Altman und seine nie statische Kamera zelebrieren dieses Sittengemälde genüsslich und auch als Zuschauer findet man – ist die immense Anzahl an Charakteren einmal eingeordnet – Gefallen an der bösen Satire.

Robert Altman versammelte eine erstklassige Riege britischer Schauspieler vor der Kamera, von denen besonders Maggie Smith als exzentrisch-bissige Lady Trentham, Helen Mirren und Eileen Atikins als verfeindete Mitglieder der „below stairs“ und Stephen Fry als leicht trotteliger Inspektor Thompson hervorstechen. Die Austattung des Films ist ebenso beeindruckend: Gefilmt wurde teilweise auf Wrotham Park, andere Teile, wie die gesamten Räumlichkeiten der Dienerschaft, wurden als Set nachgebaut. Überzeugend ist auch die musikalische Untermalung.

Dass „Gosford Park“ so hervorragend funktioniert, ist auch dem mit einem Oscar ausgezeichnetem Drehbuch von Julian Fellowes zu verdanken, das mit der großen Anzahl an Figuren geschickt umgeht. Sie bleiben nicht Stereotypen, sondern entwickeln sich im Laufe des Films zu ausgearbeiteten Charakteren. So ist Robert Altmans Alterswerk nicht nur Krimi und Satire, sondern auch ein Drama, das sich in den Schicksalen einzelner Charaktere offenbart.

Vielleicht muss man „Gosford Park“ mehrmals ansehen, um jedes Detail auch wirklich wahrzunehmen. Aber auch schon beim ersten Sehen kann man große Freude haben, wenn man ein bisschen mitdenkt und das Figurengeflecht entwirrt.

8/10

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