Away From Her

Filme, in denen ältere Menschen im Mittelpunkt stehen, haben es beim großen Publikum sicherlich nicht leicht. Wenn zudem noch ein schweres Thema wie Alzheimer behandelt wird, sind die Chancen für einen Erfolg wohl nur noch minimal. So war es abzusehen, dass „Away From Her“ kein Hit werden wird, Kritikerlob gab es immerhin zuhauf – und das völlig zurecht.

Die vor allem als Schauspielerin (My Life Without Me, Dawn Of The Dead, Splice) bekannte Sarah Polley, zum Zeitpunkt des Drehs noch keine 30, wählte als Vorlage für ihr Regiedebüt die Kurzgeschichte „The Bear Came Over The Mountain“ von Alice Munro. Erzählt wird die Geschichte von Fiona (Julie Christie) und Grant Anderson (Gordon Pinsent), die nach 44 Jahren Ehe mit Fionas Alzheimer-Erkrankung zu kämpfen haben. Relativ früh beschließt Fiona, in ein Pflegeheim zu gehen, um sich und ihrem Mann den Alltag zu erleichtern. Grant kann derweil nur mit ansehen, wie sie eine enge Freundschaft mit einem anderen Mann schließt und sich ihr Zustand zunehmend verschlechtert.

„Away From Her“ schildert zwar den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung, allerdings nicht in realistischer Weise. So erscheint es mir merkwürdig, dass sich Fiona schon in das Pflegeheim begibt, obwohl es ihr eigentlich noch recht gut geht. Natürlich vergisst sie immer wieder Dinge oder stellt eine Pfanne in den Gefrierschrank, gleichzeitig genießt sie es aber auch noch, zu lesen und sich mit Grant über Gott und die Welt zu unterhalten. In diesem scheinbar leichten Stadium der Erkrankung hätte ihr Ehemann noch gut für sie sorgen können. Im Verlauf des Films verschlechtert sich ihr Zustand, das ganze Ausmaß der Alzheimer-Krankheit wird aber nie deutlich gezeigt. Aggressionen, mangelnde Hygiene und fehlendes Sprachvermögen spart der Film aus. (Hier könnte man natürlich argumentieren, dass der Film endet, bevor es Fiona überhaupt so schlecht geht.) Insbesondere die verschönte Darstellung des Pflegeheims, in der Managerin und Pflegerin ständig für einen netten Plausch Zeit haben und sich nie um die Bewohner kümmern müssen, fällt als extrem unrealistisch auf.

Dem Film geht es aber weniger um die korrekte Darstellung des Krankheitsverlaufs, sondern mehr um die Liebesgeschichte von Fiona und Grant. Und genau hier punktet „Away From Her“ auf ganzer Linie: Die Beziehung der beiden geht dem Zuschauer nahe, sie ist wunderschön, gleichzeitig tragisch und herzzerreißend, ohne in Kitsch zu verfallen. Wie Grant Fiona ins Pflegeheim bringt und sich zum ersten Mal seit 44 Jahren für längere Zeit von ihr verabschieden muss, kann zu Tränen rühren.

Fiona: I’d like to make love, and then I’d like you to go. Because I need to stay here and if you make it hard for me, I may cry so hard I’ll never stop.“

Dass die Liebe zwischen Fiona und Grant so glaubhaft wirkt, ist vor allem Julie Christie und Gordon Pinsent zu verdanken. Christie, die für ihre Rolle einige Auszeichnungen bekam und für den Oscar nominiert wurde, verleiht ihrer Fiona so viel Schönheit und Würde und wirkt dabei trotzdem so zerbrechlich. Eine Offenbarung ist auch Pinsent, der sehr zurückhaltend spielt und den Zuschauer dadurch vereinnahmt. Er zeigt, wie hart es ist, wenn sich eine geliebte Person plötzlich immer weiter entfernt und irgendwann nur noch in der eigenen Erinnerung so existiert, wie man sie kannte.

Grant: „I never wanted to be away from her.“

Als Alzheimer-Drama funktioniert „Away From Her“ nur bedingt, da einige Aspekte zu unglaubwürdig sind. Die Themen der Liebe im Alter und der damit verbundenen Einsamkeit wurden jedoch selten schöner umgesetzt.

8/10

Advertisements