Sunset Blvd.

Das American Film Institute wählte „Sunset Blvd.“ in seine beiden Listen der 100 besten amerikanischen Filme (1, 2), Zitate aus dem Film sind weltbekannt („All right, Mr. DeMille, I’m ready for my close-up.“), Norma Desmond gilt als einer der gelungensten Charaktere der Filmgeschichte und ihre Darstellerin Gloria Swanson wurde durch die Rolle unsterblich (Roger Ebert: „one of the greatest of all film performances“).

„Sunset Blvd.“ erzählt die Geschichte des erfolglosen Drehbuchautors Joe Gillis (William Holden), der aus Geldnot (nur aus Geldnot?) einen Job bei der Stummfilmdiva Norma Desmond (Gloria Swanson) annimmt. Diese konnte in der Ära des Tonfilms nicht an alte Erfolge anknüpfen und lebt mit ihrem Butler Max (Erich von Stroheim) in einer Villa am titelgebenden Sunset Boulevard. Norma kommt mit dem Verlust ihres Ruhmes, mit ihrem zunehmenden Alter nicht zurecht. Sie lebt – umgeben von Fotographien aus ihrer Glanzzeit, von eigenen Filmen, von ebenso vergessenen Stummfilmstars – in der Vergangenheit. Joe soll ihr zum großen Comeback verschaffen, in dem er ein von ihr verfasstes Drehbuch umschreibt. Dieses will sie anschließend von ihrem Entdecker und einstigem Stammregissuer Cecil B. DeMille (der sich selbst verkörpert und auch im realen Leben der Entdecker von Gloria Swanson war) verfilmen lassen.

Billy Wilder eröffnet mit „Sunset Blvd.“ einen schonungslosen Blick auf die Traumfabrik Hollywood – gerade zur Entstehungszeit des Films ein großer Tabubruch. An einem Tag bist du ein Star, am nächsten ein Niemand. Passend dazu war Swanson tatsächlich eine große Schauspielerin der Stummfilmzeit, die danach kaum mehr von sich reden machte. Auch weitere Rollen besetzte Wilder entsprechend – Normas Butler Max wird von Erich von Stroheim dargestellt, einem Regisseur, der mit Swanson „Queen Kelly“ drehte; ein Ausschnitt dieses Films ist gar zu sehen, während sich Norma an ihren alten Filmen ergötzt.

Neben der Authentizität überzeugt „Sunset Blvd.“ insbesondere durch wunderbar komplexe Beziehungen, die allesamt auf Lügen basieren: Joe nimmt den Job bei Norma anfangs sicherlich aus Geldnot an, doch ebenso ist er neugierig und fasziniert von seiner Arbeitgeberin. Er will keine Geschenke von ihr, nimmt sie aber an. Er will seine Freiheit wahren, zieht aber bei ihr ein. Er will keine Beziehung mit ihr und liebt sie sicherlich auch nicht, trotzdem schläft er bald im Bett der Ehemänner eins bis drei. Dass Norma überhaupt in ihrer eigenen Welt Leben kann und schließlich auch in den Wahnsinn abdriftet, wird überhaupt erst durch ihren Butler Max ermöglicht, der sie in ihrem Glauben, sie sei immer noch ein bedeutender Star, unterstützt.

Die Schauspieler funktionieren in ihren Rollen perfekt, doch neben Swanson verblassen sie. Ihre Norma schwankt zwischen überzogener Karikatur mit übertrieben theatralischer Gestik und Mimik (wie von einem Stummfilmdarsteller erwartet), menschlichen Seiten samt Humor (man denke an die komische Chaplin-Imitation) sowie beängstigendem Wahnsinn. Von ihr lebt der Film, durch sie wurde „Sunset Blvd.“ zum zeitlosen Klassiker, zu dem Meisterwerk, dass es heute immer noch ist.

10/10

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