The Remains Of The Day

„The Remains Of The Day“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Kazuo Ishiguro, einem Klassiker der modernen Literatur, ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize 1989.

Erzählt wird die Geschichte von Stevens (Anthony Hopkins), Butler im Herrenhaus Darlington Hall in den 1950er Jahren in England. Als ihm sein neuer Arbeitgeber Mr Lewis (Christopher Reeve) ein paar Tage Urlaub anbietet, beschließt Stevens, zur ehemaligen Haushälterin von Darlington Hall, Miss Kenton, zu reisen. Auf der Reise erinnert er sich an seine Vergangenheit, als er, zusammen mit Miss Kenton, noch Lord Darlington (James Fox) diente. Dieser versammelte im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges wichtige Politiker in seinem Haus, um auf die Politik Europas, insbesondere die Einstellung gegenüber den Deutschen, Einfluss zu nehmen. Obwohl Darlingtons Ziel die Sicherstellung des Friedens war, führte seine freundschaftliche Gesinnung gegenüber Deutschland zur Beeinflussung durch die Nazis, so dass sein Ruf nach dem Krieg zerstört war. Darlington galt nun als Nazifreund. In den Rückblenden erfährt der Zuschauer auch von der komplizierten Beziehung zwischen Stevens und Miss Kenton: Obwohl die Liebe der beiden immer offensichtlicher wird, verbietet es Stevens eigenes Bild vom perfekten Butler, der nur seinem Herren zu dienen hat und „Würde“ in jeder Situation zu zeigen hat, eine Beziehung einzugehen oder sogar Gefühle zu offenbaren.

„I don’t believe a man can consider himself fully content until he has done all he can to be of service to his employer.“

Die Stärke von „The Remains Of The Day“ ist seine Handlungsarmut. Gezeigt wird vor allem der Alltag eines Butlers in den 30er Jahren. Durch die Schilderung dieser täglichen Geschehnisse wird die Figur des Stevens allerdings perfekt charakterisiert. Stevens stellt seinen Beruf über alles – er ist nicht mehr Stevens, er ist nur noch Butler. Dies – er nennt es Würde – ist seine Vorstellung von einem perfekten Butler. Gefühle haben da keinen Platz: Als sein Vater stirbt, ist er zu beschäftigt damit, den Gästen zu dienen. Getrauert kann in dieser Zeit nicht werden. Seinem Herrn Lord Darlington ist er zudem uneingeschränkt loyal. Auch als dieser fordert, die im Haus angestellten Juden zu entlassen, vertraut Stevens nach kurzem Zögern auf Darlingtons moralische Entscheidungsfähigkeit.

Am folgenreichsten ist Stevens Vorstellung eines perfekten Butlers aber in Hinsicht auf Miss Kenton: Obwohl er sich ihrer Gefühle durchaus bewusst ist, sieht er die Beziehung immer als rein professionell an. Eigene Gefühle lässt er nicht zu. Erst 20 Jahre nachdem Miss Kenton Darlington Hall verlassen hat um zu heiraten und er sich auf dem Weg zu ihr an die Vergangenheit erinnert, erkennt er seine eigene Liebe und all die verpassten Chancen.

SPOILER

Kernstück des Films ist schließlich das Wiedersehen von Stevens und Miss Kenton. Beide müssen endgültig einsehen, dass sie die Chance auf die Liebe ihres Lebens verpasst haben. Für Stevens bleibt tatsächlich nur noch die Frage, was von seinem Tage übrig bleibt: Rückblickend hat sein Beruf ein Privatleben verhindert. Er war ein perfekter Butler, doch viel Mensch ist nicht mehr in ihm übrig geblieben. Die Liebe blieb ihm verwehrt. Auch die Zukunft birgt nur das Leben als Butler. Wie die aus dem Fenster fliegende Taube am Ende von „The Remains Of The Day“ ist er zwar frei von den Unklarheiten, den Was-wäre-wenns, den Hoffnungen bezüglich Miss Kenton; gleichzeitig bleibt er allerdings „gefangen“ in Darlington Hall und seinem alten Leben.

So ist „The Remains Of The Day“ eine Geschichte vom Verlust: Stevens verliert seinen Vater, Miss Kenton und schließlich die Hoffnung auf ein spätes Glück mit ihr. Miss Kenton verliert im Roman zunächst ihre Tante und damit ihre einzige Verwandte, schließlich durch ihre Hochzeit Stevens. Auch Lord Darlington verliert nicht nur seinen Patensohn, sondern auch sein Ansehen – er wird nur noch als Werkzeug der Nazis angesehen.

SPOILER ENDE

„The Remains Of The Day“ ist geradezu perfekt: Die Inszenierung ist so subtil, dass die erwarteten Kitschmomente in einer Geschichte über eine verpasste Liebe ausbleiben. Die Charaktere sind fein und vielschichtig charakterisiert und die Schauspieler fantastisch. Anthony Hopkins ist als Stevens eine Offenbarung. Gefühle werden von ihm zwar nicht zugelassen, sein Blicke und Gesten sagen aber mehr, als es Worte könnten.

Was mich von der Höchstwertung abhält, ist die Tatsache, dass Kazuo Ishiguros Roman noch perfekter ist. Vielleicht ist es unfair, einer hervorragenden Literaturverfilmung vorzuwerfen, nicht vollkommen an ihre Vorlage heranzureichen. Geschrieben ist es wohl besser möglich, zu verdeutlichen, wie Erinnerungen, die immer subjektiv – und dadurch fehlerhaft, eingeschränkt, selektiv – sind, sich auf die Gegenwart auswirken. Stevens über mehrere Seiten hinweg über die Würde eine Butlers reflektieren zu lassen, ist als Charakterisierung gelungener und aussagekräftiger als es mit filmischen Mitteln möglich wäre. Auch seine Gedanken zur wunderschönen englischen Landschaft, die für ihn gerade durch ihre Zurückhaltung und Ruhe so großartig ist, verraten sehr viel über seine Person.

Ishiguros „The Remains Of The Day“ ist ein Meisterwerk. James Ivory hat es geschafft – und das geschieht gar nicht so oft – die Vorlage auch meisterlich zu verfilmen.

9/10

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