My Winnipeg

Winnipeg. Winnipeg. Snowy, sleepwalking Winnipeg.

Ein schlafender Mann in einem Zug, der durch eine verschneite Stadt fährt. Schwarz-weiße, surreale Bilder, die der Stummfilmära entsprungen sein könnten. Wackelige Zwischentitel: Panic! Sleepy!

Die Stimme des Erzählers: Winnipeg. Winnipeg. Winnipeg. Winnipeg.

Guy Maddins „My Winnipeg“ zeigt uns die Heimatstadt des Regisseurs, die er einfach nicht verlassen kann. Er unternimmt einen neuen Versuch: Der Zug soll ihn aus Winnipeg bringen. Maddin erzählt dem Zuschauer derweil, was ihn in der Stadt hält. Das sind Geschichten über die Stadt, Fakten, Mythen, Halbwahrheiten und – seine Mutter.

Wir erfahren, dass es in Winnipeg, wo es fast immer Winter ist, zehn mal so viele Schlafwandler gibt wie an anderen Orten. Wir sehen Seancen, die in der an übernatürlichen, magischen Geschehnissen nicht armen Stadt in Anwesenheit von Politikern und Huren früher abgehalten wurden. Wir lernen die Straßen Winnipegs kennen – die großen Hauptstraßen und die kleinen Straßen ohne Namen, die die Rückseite der Häuser und des Lebens in Winnipeg zeigen. Und wir erleben die Kindheit des Regisseurs – geboren im Eishockeystadium, aufgewachsen im Dunst eines Schönheitssalons – und seine vergebliche Loslösung der allgegenwärtigen Mutter.

Was ist wahr, was ist erfunden? Es spielt keine Rolle. Wir sehen Maddins Winnipeg. Wir sehen, was für ihn zur Stadt gehört. Wir hören Geschichten, die Winnipeg zu dem machen, was es für ihn ist. Maddin selbst bezeichnet seinen collagenhaften Film als „docu-fantasia“. Wenn „My Winnipeg“ eine Dokumentation ist, dann eben keine sachliche, sondern eine subjektive, in gewisser Weise auch höchst egozentrische Dokumentation, wie man sie wohl nur über seine Heimatstadt drehen kann.

Kann man sich auf „My Winnipeg“ einlassen, bekommt man nicht nur unzählige kleine, unterhaltsame Geschichten, sondern auch einen der visuell beeindruckendsten, schönsten Filme zu sehen. Die fast schon poetischen Bilder in Kombination mit dem sich teilweise wiederholenden, rhythmischen Voice-Over lassen einen geradezu hypnotischen Sog entstehen.

Schafft es Maddin schließlich Winnipeg zu verlassen? Am Ende bleibt eher die Frage: Will er Winnipeg wirklich verlassen?

Winnipeg. Winnipeg. Snowy, sleepwalking Winnipeg.

9/10

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