The Graduate

„And here’s to you Mrs. Robinson…“

Nicht nur das Titellied zu „The Graduate“ von Simon and Garfunkel, sondern auch Filmzitate wie „Plastics.“ oder „Mrs. Robinson, you’re trying to seduce me… Aren’t you?“ sind mindestens so bekannt wie Mike Nichols‘ (Who’s Afraid Of Virginia Woolf?, Closer, Angels In America) Film selbst. „The Graduate“ gilt als wegweisend für das neue Hollywood, sowie als Klassiker der Filmgeschichte und kann sich vor popkulturellen Anspielungen kaum retten.

Nichols erzählt in seinem zweiten Spielfilm die Geschichte von Ben Braddock (Dustin Hoffman), der, gerade Anfang 20, seine Collegeausbildung erfolgreich abgeschlossen hat und nun vor einer ungewissen Zukunft steht. Was will er mit seinem Leben anfangen? Zunächst einmal kehrt er zurück zu seinen Eltern, die für ihn eine große Willkommensparty organisieren. Ben verbringt seinen Sommer vor allem im Pool der Eltern oder im Hotelbett – zusammen mit Mrs. Robinson (Anne Bancroft), einer Freundin seiner Eltern, die ebenso gut seine Mutter sein könnte.

Die erste Hälfte von „The Graduate“ ist ein filmischer Hochgenuss: Die Dialoge sind gelungen, die Musik von Simon and Garfunkel passt perfekt und die Schauspieler überzeugen. Hoffman gibt seinen Ben so planlos und verschüchtert, dass das Aufeinandertreffen mit der eher dominanten Mrs. Robinson große Freude bereitet. Bancroft, die in Wahrheit keine zehn Jahre älter als Hoffman war, überzeugt in der ambivalenten Rolle als Verführerin/depressive Vorstadthausfrau/Filmbösewicht voll und ganz. Insbesondere fällt aber die filmische Raffinesse auf. Nichols Film wirkt auch heute noch modern: Er setzt in der Partyszene Handkameras ein, die das Geschehen stark aus Bens Blickwinkel einfangen; seine Schnittfolgen lassen Ben vom elterlichen Pool direkt ins Hotelbett springen.

Doch irgendwann beginnt die zweite Hälfte von „The Graduate“: Ben lernt die Tochter der Robinsons, Elaine (Katherine Ross), kennen. Wie es sein muss, verlieben sich die beiden. Die Beziehung zerbricht allerdings, als Elaine von Bens Affäre mit ihrer Mutter erfährt. In der restlichen Laufzeit versucht Ben nun, Elaine zurück zu gewinnen und sie von der Hochzeit mit einer Unibekanntschaft abzuhalten.

Während der Film zu Beginn mit der arg unchristlichen Affäre also noch Hollywood-Tabus bricht und Ben als Mensch zwischen Jugend und Erwachsenenalter zeichnet  – exemplarisch sei die besonders gelungene Sequenz am Hoteleingang genannt, in der zunächst eine Gruppe älterer Menschen und sofort darauf einige Jugendliche Bens Weg blockieren -, werden mit dem Beginn der Elaine-Geschichte alle Ansätze der ersten Hälfte über Bord geworfen. Obwohl das Drehbuch Elaine keine nennenswerten Charakterzüge gönnt, soll der Zuschauer glauben, dass Ben in ihr die Frau fürs Leben gefunden hat. Gerade Ben, der zu der altmodischen, konservativen Generation seiner Eltern keinen Zugang findet, will also plötzlichen heiraten. Diese Wendung ist nicht nur unglaubwürdig, sondern durch die Flachheit von Elaines Charakter absolut uninteressant und ruiniert auf inhaltlicher Ebene einen erheblichen Teil des Films.

Ein guter Film ist „The Graduate“ allemal, ein Meisterwerk sehe ich darin aber nicht. Die ambivalente Schlusseinstellung (die auch in 500 Days Of Summer zitiert wird) schließt immerhin an die inszenatorische Klasse der ersten Filmhälfte an und entlässt den Zuschauer dann doch noch befriedigt.

7/10

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