Lost In Translation

Wenn man einen Film nach mehreren Jahren einmal wieder sieht und sich darüber freut, seine Protagonisten nochmals zu belauschen, sie zu begleiten und sie beim Sich-Annähern zu beobachten, dann muss dieser Film wohl gut sein. Sofia Coppolas „Lost In Translation“ hat mich vor Jahren schon begeistert und tut das heute immer noch. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als damals.

Nachdem uns die erste Einstellung einen Blick auf Charlottes (Scarlett Johansson) Hintern offenbart, dürfen wir Bob Harris (Bill Murray) kennenlernen, einen amerikanischen Filmstar, der in Tokio für viel Geld einen Werbespot dreht. Genauso wie Charlotte, die ihren Mann John (Giovanni Ribisi), einen vielbeschäftigten Fotografen, begleitet, leidet Bob unter Schlafproblemen. Er fühlt sich fremd und einsam; seine Frau schickt ihm zwar Teppichmuster per Post, hört ihm aber am Telefon nicht zu. Auch Charlotte denkt über ihre junge Ehe nach und weiß nicht, was ihre Berufung im Leben sein könnte. Bob und Charlotte lernen sich im Hotel kennen. Was als Ablenkung von Schlafproblemen, Einsamkeit und Unsicherheiten beginnt, entwickelt sich bald zu einer Freundschaft, die so persönlich, innig und intim wird, obwohl – oder gerade weil – sie nie sexuell wird.

Beim Zuschauen fühle ich mich wie einem Schwebezustand zwischen Schlaf und Wachsein. Ich teile das Gefühl der Schlaflosigkeit, lasse mich sowohl von den ruhigen Bilder als auch vom hektischen Nachtleben der Metropole überfluten. Ich beobachte die sich umkreisenden Protagonisten – wie sie Karaoke singen, wie er sanft ihren Fuß berührt, wie er ihr zum Abschied die letzten Worte ins Ohr flüstert. Worte, die ich nie erfahren werde.

Auch der Film selbst schwebt ständig zwischen Komödie und Drama, zwischen der Melancholie der Einsamkeit und des Glücks der Zweisamkeit. „Lost In Translation“ bezieht seinen Humor vor allem aus dem Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen, wobei sich weniger über die Japaner als über die Amerikaner lustig gemacht wird. Bob und Charlotte staunen zwar über die Andersartigkeit Japans, können damit aber nichts anfangen. Die beiden wollen Tokio so schnell wie möglich verlassen und fürchten doch den Abschied voneinander.

Coppola, deren Debüt „The Virgin Suicides“ schon eine gute, atmosphärische Verfilmung eines hervorragenden Romans war, präsentiert hier ihr ganzes Können: Sie braucht nicht viel Dialog, um eine enorme Bandbreite an Gefühlen zu transportieren. Ihre Bilder sind unglaublich schön und lassen den Zuschauer ein Teil Tokios sein. Bill Murray und Scarlett Johansson (Ghost World, Match Point)  spielen so natürlich und harmonieren perfekt, so dass man nicht das Gefühl hat, zwei Schauspielern zuzusehen. Die Musik von Kevin Shields, Air und Phoenix unterstützt die traumhafte Stimmung des Films zusätzlich.

„Lost In Translation“ ist für mich ein bedeutender, zeitloser, emotionaler, wundervoller Film, den ich gerne immer wieder ansehe.

10/10

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