Psycho

Alfred Hitchcocks „Psycho“ gilt als Wegbereiter des psychologischen Thrillers; der Mord in der Dusche mit der berühmten musikalischen Untermalung ist eine der bekanntesten Szenen der Filmgeschichte und wurde unzählige Male zitiert. Kurz: „Psycho“ gilt als Meisterwerk – und das zurecht.

Achtung: SPOILER!

Schon die Eröffnung von „Psycho“ lässt den Zuschauer zum Voyeur werden: Eine Kamerafahrt über den Dächern von Phoenix endet in einem Hotelzimmer, in dem Marion Crane (Janet Leigh) gerade ihr Mittagspausenrendezvous mit ihrem Freund Sam Loomis (John Gavin) hat. Aus Geldmangel – er zahlt noch Alimente an seine Ex-Frau – will Sam Marion noch nicht heiraten. Diese sorgt sich um ihr gesellschaftliches Ansehen und vor allem um die Meinung ihrer Mutter über diese Affäre. Zurück im Büro der Immobilienfirma, in der Marion arbeitet, bekommt sie den Auftrag, 40.000 $ eines Kunden zur Bank zur bringen. Marion nutzt die einmalige Gelegenheit und macht sich mit dem Geld aus dem Staub und landet schließlich – unter falschem Namen – im Motel von Norman Bates (Anthony Perkins). Norman ist freundlich, wenn auch sozial etwas ungeschickt. Er berichtet Marion von seiner dominanten Mutter, von der er sich immer noch nicht lösen konnte. Und als Marion schließlich zurück in ihr Zimmer geht, beobachtet er sie dabei, wie sie sich auszieht – er offenbart sich damit ebenso als Voyeur und befindet sich damit auf einer Ebene mit dem Zuschauer.

Kurz darauf wird Marion unter der Dusche erstochen. Hitchcock schockiert sein Publikum damit, dass er die Hauptfigur schon nach 45 Minuten ermorden lässt. Damit der Schock wirklich sitzt, hatte Hitchcock den Kinobesitzern verboten, nach Beginn des Films noch Zuschauern den Einlass in die Vorstellung zu gewähren und sogar eigens Aufsteller anfertigen lassen, die erklären, wie wichtig es ist, „Psycho“ von Anfang an zu sehen.

Nach Marions Ermordung machen sich ihre Schwester Lila (Vera Miles) und ihr Freund Sam auf die Suche nach ihr – immerhin gilt sie noch als vermisst. Der Weg der beiden führt schließlich auch in Bates‘ Motel, wo sie sich als Ehepaar einquartieren und ihre Nachforschungen voranbringen. Gerade diese zweite Hälfte von „Psycho“ wirkt auch heute, immerhin 50 Jahre nach seiner Entstehung, noch spannend und schockierend, während die Anfangshandlung um Marion längst nicht mehr so bahnbrechend daherkommt, wie es 1960 der Fall gewesen sein muss.

Doch von Anfang an ist „Psycho“ ein intelligenter Film. Hitchcock setzt viele Schatten ein und deutet damit schon die kleinen und großen Geheimnisse der Charaktere an. Nicht nur Marion und Norman haben solche Geheimnisse, sondern auch der Rest der Gesellschaft: So gibt es allein in Marions Büro Fälle von Alkohol- und Tablettensucht.

Das zentrale Thema des Films ist allerdings das der multiplen Identitäten und gespaltenen Persönlichkeiten, welches schon in den Opening Credits sehr schön visualisiert ist. Am deutlichsten ist dies natürlich bei Norman Bates veranschaulicht, der immer wieder die Rolle seiner eigenen Mutter annimmt und schließlich jeglichen Bezug zur Realität verliert. Doch auch Marion ist nicht nur die brave Sekretärin, sondern auch die Frau, die sich mit ihrem Freund in einem Hotelzimmer verstecken muss. Mit dem Verkauf ihres Autos und schließlich mit dem Annehmen eines falschen Namens in Bates‘ Motel, offenbaren sich ihre verschiedenen Identitäten am deutlichsten. Auch Sam und Lila nehmen auf der Suche nach Marion letztlich andere Namen an.

Zur Unterstützung dieses Themas setzt Hitchcock in vielen Szenen Spiegelbilder der Charaktere ein. Lila erschreckt beim Durchsuchen des Bates’sches Hauses sogar vor der Reflektion ihres eigenen Spiegelbildes. Vergleicht man Marion und Norman miteinander, stellt man außerdem fest, dass die eine fast eine Spiegelung des anderen sein könnte: Ebenso wie Norman, kann sich Marion nicht von ihrer Mutter lösen. Ihre Beziehung zu Sam führt zu Schuldgefühlen, weil ihre Mutter sie dafür verachten würde. Und ebenso wie Norman, schlägt Marion einen kriminellen Weg zur Lösung ihres Problems ein: Sie tötet zwar nicht ihre Mutter, aber sie stiehlt Geld, um in ein neues Leben zu flüchten.

Auch wenn „Psycho“ also nicht mehr so spannend sein mag, wie er vor einem halben Jahrhundert noch war, ist er immer noch ein hervorragender Thriller mit glänzenden Darstellern (Perkins‘ Norman Bates ist eine Filmikone und wohl der prototypische Hollywood-Psychopath) und einer inszenatorischen Raffinesse, wie sie heute kaum mehr vorzufinden ist.

9/10

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