Somewhere

Sofia Coppolas „Somewhere“, in Venedig kürzlich mit dem Goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet, erinnert in einigen Aspekten an ihr Meisterwerk Lost In Translation. Wieder steht ein Figurenduo im Mittelpunkt, das zusammen Zeit totschlägt. Wieder befinden sie sich in einem Hotel, ihrem goldenen Käfig, und sind zusammen einsam. Und wieder geht es um einen großen Schauspielstar.

Der Schauspieler ist Johnny Marco (Stephen Dorff), der langsam auf die 40 zugeht. Sein Sixpack wird immer mehr zum Bauchansatz, die Haare werden weniger. Im Chateau Marmont, seinem Hotel und dauerhaften Wohnort in L.A., finden sich zwar immer noch genug Frauen, die bereitwillig mit ihm schlafen, doch Johnny ist müde geworden: Nach dem Abschluss der Dreharbeiten zu seinem neuesten Actionfilm leistet er ein bisschen Pressearbeit ab, trinkt, nimmt Pillen, holt sich Go-Go-Tänzerinnen aufs Zimmer und schläft viel. Plötzlich steht seine elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning, We Bought A Zoo), die er zuvor nur sporadisch gesehen hat, vor der Tür. Ihre Mutter und seine Ex-Frau braucht Zeit für sich und verschwindet für ein paar Wochen irgendwohin. Die beiden spielen zusammen Guitar Hero, sie begleitet ihn zu einer Preisverleihung in Mailand. War sein Alltag bisher von Gleichgültigkeit geprägt, hat er nun wieder einen Menschen, für den er sich interessiert. Sein Leben ist wieder mit Leben erfüllt. Doch nachdem er Cleo ins Sommercamp verabschiedet hat, bricht er zusammen.

Coppola inszeniert die aufblühende Vater-Tochter-Beziehung in wunderschönen Bildern: Sie setzt das Chateau Marmont als dritten Protagonisten in Szene. Das Hotel am Sunset Boulevard, in dem sich Greta Garbo verschanzte, James Dean und Hunter S. Thompson Gäste waren und John Belushi an einer Überdosis verstarb, ist der Ort, an dem Johnny Marco sein träges Leben – mitten in der Hollywoodwelt, doch abgeschieden vom Rest – leben kann. Um eine Atmosphäre der Leere, Trägheit und Langeweile zu transportieren, nutzt Coppola lange Einstellungen und zeigt den öden Alltag des Filmstars in aller Ausführlichkeit. Die so entstehenden Längen im Film sind also sicherlich gewollt, doch sie bleiben Längen – „atmosphäredienliche Langeweile“ sozusagen.

Stephen Dorff – selbst eher B-Movie-Star – und Elle Fanning wirken selten wie Schauspieler in Rollen; vielmehr verhalten sie sich natürlich. Es ist eine Freude, das Zusammenspiel der beiden zu beobachten. Dorffs Johnny Marco ist zwar ein Hollywoodstar, aber er ist eben nur das: Ein Geschöpf aus der Traumfabrik, eigentlich ein Niemand. Cleo dagegen ist noch so jung, sie begeistert sich für Eiskunstlauf, ist gut in der Schule; doch mit Eltern wie Johnny, der sein unwirkliches Leben an ständig anderen Orten verbringt und einer Mutter, die einfach eine Auszeit braucht, hat sie gelernt, sich gleichgültig zu geben. Sie wirkt abgebrüht und erwachsen, doch zwischendrin kommen ihre kindliche Lebensfreude genauso wie ihr Gefühl, alleingelassen zu sein, zum Vorschein.

„Somewhere“ mag nicht viel Handlung bieten und stellenweise sogar etwas langatmig sein; doch kein Regisseur dreht schönere Filme über das Alleinsein und die innere Leere – losgelöst von der sich weiterdrehenden Welt – als Coppola. Ihre Bilder bezaubern, ihre Figuren scheinen zu leben und ihre Filme entwickeln einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann.

8/10

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