Rear Window

1954 war ein besonders erfolgreiches Jahr für Alfred Hitchcock: Er veröffentlichte mit „Dial M For Murder“ und „Rear Window“ gleich zwei Filme, die heute zu seinen besten zählen. Sie zeichnen sich nicht nur durch das Mitwirken Grace Kellys aus, sondern auch durch ihr Setting: In beiden Fällen ist die Handlung (fast) ausschließlich in einem Raum angesiedelt.

In „Rear Window“ ist der Fotograf L. B. Jeffries (James Stewart, Vertigo, Rope) nach einem Unfall durch sein Gipsbein an einen Rollstuhl gefesselt. Seine Tage verbringt er damit, Nachbarn durch sein Hinterhof-Fenster zu beobachten. Kontakt hat er während dieser Zeit fast nur mit seiner Krankenschwester Stella (Thelma Ritter) und seiner Freundin Lisa Fremont (Grace Kelly, To Catch A Thief), welche ihm zu perfekt erscheint: Er genießt die Zeit mit ihr, doch heiraten will er sie nicht. Durch das Ausspionieren der Nachbarn erfährt er nicht nur private Details, sondern glaubt schließlich auch, Zeuge eines Mordes zu sein: Wegen einer Reihe seltsamer Ereignisse verdächtigt er den Verkäufer Lars Thorwald (Raymond Burr), seine Ehefrau umgebracht zu haben. Doch Jeffries Freund, Detective Doyle (Wendell Corey), will ihm nicht glauben.

Noch stärker als in Psycho lässt Hitchcock den Zuschauer zum Voyeur werden: Allein durch die Rezeption des Films verhält man sich wie der Protagonist Jeffries. Man beobachtet andere Leben, intime Details, und will irgendwann auch, dass Thorwald seine Frau getötet hat. Hitchcock bringt also nicht nur seine Figuren, sondern auch die Zuschauer in eine moralische fragwürdige Position: „Jeff, you know if someone came in here, they wouldn’t believe what they’d see? You and me with long faces plunged into despair because we find out a man didn’t kill his wife. We’re two of the most frightening ghouls I’ve ever known.“

Interessant wird „Rear Window“ vor allem auch durch die – brillant inszenierten – Geschichten aus dem Leben der Nachbarn. Der Zuschauer bekommt dadurch mehrere kleine Episoden präsentiert, die vor allem im Hinblick auf die Beziehung von Jeff und Lisa zu betrachten sind: Durch das Beobachten der Nachbarn bekommt Jeff einen Einblick in verschiedene Lebensentwürfe, die ihm und Lisa bevorstehen könnten. Da ist das frisch verheiratete Paar, das die Zeit fast ausschließlich im Schlafzimmer verbringt; es gibt ein älteres, kinderloses Ehepaar, deren Leben sich scheinbar nur um ihren Hund dreht; „Miss Torso“ unterhält in ihrem Apartment jeden Abend mehrere Männer; der Klavierspieler, ein Junggeselle, gibt Abend für Abend Feten; und „Miss Lonelyhearts“ ist so einsam, dass sie sogar schon imaginäre Dates in ihrer Wohnung begrüßt. Hitchcock filmt diese Lebensausschnitte ausschließlich aus Jeffs Fenster. Er schwenkt von einem Apartment zum nächsten und beweist sein inszenatorisches Können. In dem beeindruckendem Set (wohl eines der größten Filmsets seiner Zeit) arbeitete Hitchcock ausschließlich per Funk mit den Darstellern der Nachbarn.

„Rear Window“ ist sowohl spannend als auch witzig. Er bezieht den Zuschauer in die Handlung mit ein; er überzeugt in den Dialogen und der Inszenierung. Mit James Stewart, Grace Kelly und Thelma Ritter konnte Hitchcock auch hervorragende Darsteller gewinnen. Alles in allem ein perfekter Film.

10/10

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