Don’t Look Now

Ein idyllischer Sonntagnachmittag in englischer Landschaft: Kinder spielen im leicht nebeligen Garten, die Eltern sind im Haus, lesen, sehen Fotos an. Der Vater verschüttet Wasser über ein Bild, die Farbe rot verbreitet sich, überall rot. Er stürmt in den Garten, hin zum Teich. Die Tochter ist tot, ertrunken in ihrem roten Regenmantel.

Eine unbestimmte Zeit später: Die Eltern John (Donald Sutherland) und Laura Baxter (Julie Christie, Away From Her) sind im herbstlichen Venedig um zu arbeiten und mit ihrer Trauer umzugehen. Während John eine alte Kirche restauriert, lernt Laura zwei ältere schottische Schwestern kennen, von denen eine blind ist. Diese behauptet, sie könne Christine, die verstorbene Tochter der Baxters, sehen. Laura schöpft daraus neue Energie, fühlt sich zum ersten Mal seit Christines Tod wieder gut, doch John hält das alles für Unsinn. Doch gerade John ist es, der ebenso wie die blinde Frau immer wieder Visionen hat, die er jedoch ignoriert.

Während Venedig von einer Mordserie heimgesucht wird, die Schwestern Laura vor Gefahr warnen und Laura schließlich abreist, um ihren Sohn im englischen Internat zu besuchen, sieht John immer wieder eine kleine Figur im roten Regenmantel, die von ihm wegläuft.

Nicolas Roegs „Don’t Look Now“, der im Deutschen den schönen Titel „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ hat, überzeugt weniger durch seine wirre und nicht immer logische Handlung, als durch seine albtraumhafte, manchmal gar an David Lynch erinnernde Atmosphäre und die für einen Horrorfilm sehr gelungene Zeichnung der Charaktere. Roeg schafft es den ganzen Film über ein Gefühl der Bedrohung aufrecht zu erhalten. Dazu tragen zwielichtige Charaktere wie die okkulten Schwestern oder der undurchschaubare Priester, das schon verlassenene Hotel, das bald schließen wird, das kalte, labyrinthische Venedig und auch die stilvolle Inszenierung bei. „Don’t Look Now“ erzählt eigentlich eine lineare Handlung, doch sie wird ständig unterbrochen von Flashbacks von bereits Gesehenem, Flashbacks von vermeintlich Vergangenem, das so aber nicht passiert ist und Visionen, die Ereignisse in der Zukunft andeuten. Die in tristen Farben gehaltenen Bilder spiegeln die Stimmung der Charaktere gut wieder. Immer wieder wird die Trostlosigkeit durch grelle Rottöne unterbrochen, die die kommende Gefahr andeuten. John und Laura sind durch den Tod ihrer Tochter gezeichnet, ihre Ehe hat den Verlust zwar verkraftet, aber dennoch gelitten. Roeg gönnt den beiden nur eine Szene, die gänzlich frei von bedrückender Schwere ist: Die berühmte Sexszene, von der es lange hieß, sie sei nicht gespielt, ist der letzte Moment, in dem sich die beiden wirklich nahe sind. Schon die Szene selbst ist eine Montage, in der immer wieder zu sehen ist, wie sich die beiden anziehen, sich ausgehfertig machen. Die Intimität und Zweisamkeit wird immer wieder gebrochen, als wolle Roeg andeuten, dass in der Einheit der beiden keine Zukunft liegt. Und tatsächlich: Während Laura die Warnungen der Schwestern ernst nimmt, die Gefahr erkennt, ignoriert John sogar seine eigenen Visionen. Er läuft der Figur im roten Regenmantel hinterher, er kann damit von der Gefahr und von der Vergangenheit nicht loslassen und wird schließlich dafür bestraft.

„Don’t Look Now“ ist ein subtil inszeniertes Horrordrama, das ohne die ständige Angst vor einem verrückten Killer oder einem bestialischen Monster auskommt. Die Atmosphäre ist meisterlich, doch die Spannung hält sich trotzdem meist in Grenzen. Der Film baut die meiste Zeit eher auf den Umgang seiner Protagonisten mit ihrer Trauer. Zwar überzeugt „Don’t Look Now“ weder als Horrorfilm noch als Drama restlos, eine interessante Mischform aus beidem hat Roeg aber dennoch geschaffen.

7/10

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