Angels In America

„Angels In America: A Gay Fantasia On National Themes“ ist ein zweiteiliges Theaterstück von Tony Kushner, das Anfang der 1990er Jahre nicht nur jeden wichtigen Theaterpreis (Tony Award, Drama Desk Award, Pulitzer Prize) gewinnen konnte, sondern auch heute noch als eines der besten und wichtigsten Stücke der amerikanischen Gegenwartsliteratur gilt. Mike Nichols (The Graduate), der schon in seinem Debüt Who’s Afraid Of Virginia Woolf? bewies, wie perfekt er Theater verfilmen kann und einige Jahre später mit Closer ein weiteres Glanzstück auf der Grundlage eines Bühnendramas inszenierte, setzte „Angels In America“ 2003 für den amerikanischen Bezahlsender HBO mit großem Budget und einem enormen Staraufgebot um. Das fast sechsstündige Mammutwerk wurde dann sowohl als Zweiteiler, als auch als sechsteilige Miniserie ausgestrahlt und von Kritikerlob überhäuft: elf Emmy Awards und fünf Golden Globes sind die verdiente Auszeichnung für ein im deutschen Fernsehen leider völlig untergegangenes Meisterwerk.

„Angels In America“ ist im New York der 1980er Jahre angesiedelt: Der Neokonservatismus unter Reagan bestimmt die amerikanische Gesellschaft, AIDS breitet sich wie eine Seuche unter den Schwulen aus. Der liberale, schwule Jude Louis Ironson (Ben Shenkman) muss erfahren, dass sein Partner Prior Walter (Justin Kirk) AIDS hat und kann damit nicht umgehen. Joe Pitt (Patrick Wilson, Young Adult), Anwalt, Republikaner und Mormone arbeitet für Roy Cohn (Al Pacino, The Godfather, Dog Day AfternoonYou Don’t Know Jack), einen mächtigen Anwalt, der in der McCarthy-Ära maßgeblich für die Hinrichtung der Kommunistin Ethel Rosenberg (Meryl Streep, Doubt) verantwortlich war. Roy will Joe nach Washington schicken, doch Joes Frau Harper (Mary-Louise Parker, Fried Green Tomatoes, „Weeds“), valiumsüchtig und unter Angstzuständen leidend, will ihn nicht begleiten.

In „Millenium Approaches“, dem ersten Teil von „Angels In America“, zerstört Kushner seine Figuren systematisch, treibt sie in die Verzweiflung: Prior wird von seinem Partner verlassen, weil dieser nicht mit seiner Krankheit umgehen kann. Stattdessen beginnt Louis eine Affäre mit Joe, der seine Homosexualität nach Jahren der Unterdrückung endlich auslebt und sich dafür hasst. Harper, die schon länger vermutet hatte, dass Joe schwul ist, erfährt endlich die Wahrheit – doch sie zerbricht daran: Sie hat kein Leben mehr, sie hat nur noch valiuminduzierte Halluzinationen. Joes Mutter Hannah (erneut Meryl Streep) eilt aus Salt Lake City zur Hilfe und scheint in New York vollkommen verloren zu sein. Schließlich muss Roy Cohn, dieser menschenverachtende, schwulenhassende Monsteranwalt, erfahren, dass auch er AIDS hat. Plötzlich muss er, der große Roy Cohn, mit einer Krankheit kämpfen, die sonst nur den Bodensatz der Gesellschaft plagt – all der Sex mit jungen Strichern fordert seinen Tribut.

Zu allem Überfluss hat Prior immer wieder Visionen: Ein Engel (Emma Thompson, The Remains Of The Day, An Education) erscheint ihm und preist ihn als neuen Propheten. Sein bester Freund Belize (Jeffrey Wright, Source Code) hält ihn für verrückt und auch Prior findet seine Erscheinungen beängstigend. Doch er soll eine Botschaft verkünden: Die Menschheit muss endlich aufhören, sich zu bewegen. Stillstand, noch besser: Rückkehr zu Vergangenem ist die Lösung der Probleme der Menschheit und ebenso der Engel.

In „Perestroika“, Teil zwei von „Angels In America“, bekommen (fast) alle der ziellosen Figuren wieder einen kleinen Funken Hoffnung, der sie ihr Leben weiterführen lässt. Und Prior, immer noch von Visionen geplagt, stattet dem Himmel einen Besuch ab. Dieser ähnelt San Francisco nach dem großen Erdbeben von 1906, dem Tag an dem Gott die Menschheit verlassen hat. Doch der Himmel ist immer noch eine einzige Ruine, während San Francisco schnell wieder aufgebaut wurde und mittlerweile als liberale Metropole blüht. Die Engel propagieren Stillstand, doch die Menschheit ist in ständiger Bewegung: Migration, unaufhaltsamer Wandel bestimmt das Amerika des 20. Jahrhunderts. Und in eben dieser Bewegung, dem Fortschritt liegt die Zukunft der Menschheit. Weiterleben und Vergangenes hinter sich zu lassen mag schmerzhaft sein, doch es ist der einzig mögliche Schritt in die Zukunft.

Ebenso wie die Engel an der Vergangenheit festhalten, sieht auch die Reagan-Politik ihr Ideal im Amerika der 1950er Jahre. Doch wie man am Zustand des Himmels sieht, ist diese reaktionäre Einstellung nicht die Lösung. Amerika muss den gesellschaftlichen Wandel akzeptieren, ihn sogar willkommen heißen, um in der Moderne anzukommen. Perestroika eben.

Kushners Text schafft es, seine liberalen Gedanken zu vermitteln, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Er erfindet dafür komplexe Charaktere und verbindet sie mit Figuren der amerikanischen Geschichte, wie Roy Cohn und Ethel Rosenberg. Das Ergebnis ist zwar höchst politisch, doch genauso emotional und fesselnd. „Angels In America“ ist vor allem aufgrund seiner Figuren so grandios. Das Auf und Ab von Prior, Harper und all den anderen mit anzusehen, ist zutiefst bewegend, manchmal gar zu Tränen rührend. Dass neben dem menschlichen Aspekt auch politische und religiöse Themen den Film zentral bestimmen, zeugt vom ungeheuren Talent Kushners.

Mike Nichols nimmt sich in seiner Regiearbeit angenehm zurück. Er vertraut auf das geschriebene Wort und lässt den Theaterursprung jederzeit erkennen: „Angels In America“ ist ein Dialogfilm, geprägt von recht langen Szenen, in denen in der Regel nur zwei Figuren vorkommen. Da die Dialoge so pointiert und fesselnd sind, hätte Nichols nichts besseres tun können.

Gerade die Schaupieler in „Angels in America“ können nicht genug gelobt werden: Al Pacino gibt hier als zumeist lauter, aber auch unheimlich einsamer Roy Cohn seine wohl beste Leistung im hohen Alter ab. Meryl Streep, die, wie im Theater gängig, gleich in drei Rollen zu sehen ist, glänzt vor allem als hingerichtete Ethel Rosenberg, die dem sterbenden Cohn immer wieder erscheint. Jeffrey Wright stellt seine enorme Wandlungsfähigkeit als schwuler Krankenpfleger Belize und als Harpers Valiumhalluzination Mr. Lies unter Beweis. Doch gerade Mary-Louise Parker als tablettenabhängige, agoraphobische und zutiefst traurige Harper überstrahlt alle anderen. Sie schlafwandelt mit all ihrer Verzweiflung durch den Film und bildet das emotionale Herzstück von „Angels In America“.

„Angels In America“ begeistert mich immer wieder: Perfekte Dialoge und komplexe Charaktere, atemberaubende Darsteller, eine aufwühlende Geschichte und spannende Themen machen den Fernsehfilm zu einem Meisterwerk.

10/10

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