Gegen die Wand

Mit dem deutschen Kino ist das so eine Sache: Der große Erfolg ist meist nur dümmlichem Klamauk gegönnt. Kleinere Independent-Produktion mögen – und das passiert schon selten genug – noch so brillant sein, das Publikum verschmäht sie in der Regel (Die Unberührbare). Doch alle paar Jahre gibt es dann doch den Film, der sowohl Presse als auch Zuschauer überzeugt und der dann gleich das gesamte deutsche Kino retten soll. 1998 war das Lola rennt; selten hatte man so experimentierfreudiges, pulsierendes Filmgut aus Deutschland gesehen. 2006 gewann „Das Leben der Anderen“ gar einen Oscar. Deutschland hatte zwar ein aufwühlendes Drama mehr, musste aber fortan Florian Henckel von Donnersmarck ertragen, der seinen Oscar bereitwillig in jede Kamera streckte.

Als „Gegen die Wand“ dann 2004 als erster deutscher Film seit 17 Jahren den Goldenen Bären der Berlinale gewann, thematisierte die Klatschpresse vor allem die Pornovergangenheit der Hauptdarstellerin Sibel Kekilli. Diese „mediale Vergewaltigung“, wie Kekilli den Rummel um ihre Person nannte, hat noch zusätzliche Aufmerksamkeit auf den Film gelenkt, der den Zuschauer mit einer selten gesehenen emotionalen Wucht überrollt.

Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel) lernen sich in einer Psychiatrie kennen. Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, er ist mit seinem Auto gegen eine Wand gefahren – ohne zu bremsen. Und trotz Selbstmordversuch könnten die beiden Deutschtürken unterschiedlicher kaum sein. Cahit ist ein versoffenes Wrack, das sein Leben längst aufgegeben hat. Sibel dagegen strotzt vor Leben: „Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken. Und nicht nur mit einem Typen.“ Doch ihre Familie steht ihrem Lebenshunger im Weg. Sie, aufgewachsen in Deutschland, doch nach strenger türkischer Tradition erzogen, will Freiheit um jeden Preis. Nach dem gescheiterten Selbstmordversuch sieht sie die Lösung in einer Scheinehe mit Cahit. Der willigt zögernd ein und Sibel bekommt was sie will: Viele Männer, Parties, Drogen. Doch dann kommt die Liebe ins Spiel und erweist sich als Anfang vom Ende.

Fatih Akin schuf mit „Gegen die Wand“ nicht nur ein faszinierendes Portrait identitätsloser Deutschtürken, sondern vor allem eine raue, brutale Liebesgeschichte zwischen zwei kaputten Menschen. Gerade in der in Hamburg angesiedelten ersten Hälfte des Films inszeniert Akin herrlich atemlos und lebendig. Erst mit dem Wechsel der Handlung nach Istanbul lässt er die Protagonisten und Zuschauer zu Ruhe kommen. Dabei schleichen sich zwar hin und wieder Längen ein, doch dann gibt es wieder Szenen, die sich wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen.

Auf seiner Odyssee der Verzweiflung, der Selbstzerstörung, der Liebe kann sich Akin auf seine Darsteller verlassen. Kekilli spielt wunderbar natürlich und Birol Ünel liefert eine Meisterleistung ab. Er gibt sich seinem Cahit vollkommen hin, zunächst betrunken, aggressiv, innerlich längst tot, dann, für einen kurzen Moment, fast glücklich.

„Gegen die Wand“ ist ein schonungsloser Liebesfilm, der zwar nicht schön anzusehen ist, aber doch aufwühlt und berührt. Dass so ein Film immerhin fast 800.000 Zuschauer ins Kino lockt, lässt für die Zukunft des deutschen Kinos doch noch hoffen.

8/10

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