Enter The Void

Gaspar Noé hat sich mit „Irréversible“ und der darin enthaltenen zehnminütigen Vergewaltigungsszene einen Ruf als Skandalregisseur erarbeitet. In seinem neuesten Werk „Enter The Void“ bricht er erneut mit Filmkonventionen und konfrontiert sein Publikum mit einem verstörenden Bilderrausch.

„Enter The Void“ wird gänzlich aus der Sicht des Protagonisten Oscar (Nathaniel Brown) erzählt. Wenn Oscar blinzelt, blinzelt eben auch die Kamera und die Leinwand wird für einen Augenblick schwarz. Oscar lebt in Tokio und finanziert sich sein Leben durch Drogendeals. Ein Ziel scheint er nicht zu haben. Bei der Übergabe von Drogen – Oscar steht selbst unter dem Einfluss von DMT – wird er im Club The Void von der Polizei erwischt und erschossen. Oscar stirbt, doch seine Seele scheint über Tokio zu schweben. Er beobachtet das Leben seines Mentors Alex (Cyril Roy) und seiner verehrten Schwester Linda (Paz de la Huerta), der er nach dem Unfalltod ihrer Eltern ewigen Zusammenhalt geschworen hat. Oscars Geist scheint hin- und hergerissen zu sein von der Gegenwart ohne ihn, seiner persönlichen Vergangenheit und dem Innenleben anderer.

Und auch wenn Noé seinen Film anders verstanden wissen will, so scheint Oscars Seele umherzuirren, um die Erlösung in der Wiedergeburt zu finden. Auf dieser rauschartigen Reise lassen ihn der Tod seiner Eltern und die inzestuös anmutenden Gefühle gegenüber seiner Schwester nicht los. Der Regisseur selbst dagegen sagt: the whole movie is a dream of someone who read The Tibetan Book of the Dead, and heard about it before being [shot by a gun]. It’s not the story of someone who dies, flies and is reincarnated, it’s the story of someone who is stoned when he gets shot and who has an intonation of his own dream.“

Doch in „Enter The Void“ ist die Handlung Nebensache. Wie in kaum einem anderen Film, wird der Rauschzustand seiner Figuren vermittelt. Schon die stakkatoartig geschnittenen Opening Credits in grellen Neontönen, unterschiedlichen Schriftarten und unterlegt von elektronischen Beats plätten das Publikum. Wenn Noé dann auch noch Oscars Halluzinationen über Minuten hinweg durch bunte Gebilde visualisiert, die wie ein Mix aus Kaleidoskopaufnahmen und einem Netzwerk aus Nervenzellen anmuten, entfaltet der Film tatsächlich eine ungemeine Sogwirkung.

Doch ab einem gewissen Zeitpunkt verzettelt sich Noé: Er zelebriert seine außergewöhnlichen Stilmittel, lässt Oscar unzählige Male über das nächtliche Tokio schweben und verliert dabei den Blick für das Gesamtbild. Die anfängliche Faszination weicht der Erschöpfung, zu anstrengend ist der pulsierende, flackernde Bilderexzess.

„Enter The Void“ hätte ein besserer Film sein können, wäre er um ein gutes Stück kürzer. Ebenso gewinnbringend wäre ein Austausch der Hauptdarstellerin gewesen. Paz de la Huertas Stimme ist unerträglich, ihre Schauspielqualitäten nicht besonders ausgeprägt. Noé begründet die Castingentscheidung so: She had the profile for the character because she likes screaming, crying, showing herself naked — all the qualities for it.“ Von Talent spricht er allerdings nicht.

Ein faszinierendes, weil nie zuvor gesehenes Filmerlebnis bietet „Enter The Void“ allemal. Wer sich dem technisch brillant umgesetzten optischen Rausch hingeben will, sollte sich aber auf einen anstrengenden, viel zu langen Film gefasst machen. Zu einem guten Film fehlt zwar doch ein Stück, doch „Enter The Void“ wirkt nach. Und das ist auch eine beachtenswerte Leistung.

5/10

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