Black Swan

Schon die umjubelte Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig im vergangenen Herbst hat mein Interesse für „Black Swan“ geweckt. Der Goldene Löwe ging zwar an Sofia Coppolas Somewhere, doch „Black Swan“ löste in den USA schließlich wahre Begeisterungsstürme aus und entwickelte sich gar zu einem finanziellen Erfolg. Natalie Portman (Closer) räumte in den vergangenen Wochen dann noch einen Kritikerpreis nach dem anderen ab und gilt mittlerweile als absolute Oscarfavoritin. Meine Vorfreude auf den Deutschlandstart stieg also geradezu ins Unermessliche, doch das Warten hat sich gelohnt.

Nina Sayers (Portman) tanzt seit Jahren in einem New Yorker Ballettensemble, die Hauptrolle blieb ihr bisher aber verwehrt. Da Thomas (Vincent Cassel), der Direktor des Ensembles, seine bisherige Primaballerina Beth Macintyre (Winona Ryder) allerdings aussortiert, bekommt tatsächlich Nina die Rolle der Schwanenkönigin. Während an ihrem Talent und der Fähigkeit, die Rolle des weißen Schwans zu tanzen, keine Zweifel bestehen, betont Thomas immer wieder, dass Nina lockerer werden muss, loslassen muss, um auch dem schwarzen Schwan gerecht zu werden. Ihr unendlicher Ehrgeiz, die Konkurrentin Lily (Mila Kunis), die für den schwarzen Schwan wie geschaffen erscheint, und ihre Mutter Erica (Barbara Hershey, Hannah And Her Sisters), welche ihre gescheiterte Karriere nun durch ihre Tochter verwirklichen will, machen Nina mehr und mehr zu einem Wrack, das sich zunehmend von der Realität entfernt.

Darren Aronofskys (Requiem For A Dream, The Wrestler) Film lässt sich kaum einem Genre zuordnen. Er inszeniert einen höchst dramatischen Ballettfilm und bedient sich immer wieder an typischen Elementen des Thrillers und Horrorfilms. Der scheinbar wilde Mix funktioniert hervorragend – und das sogar auf verschiedenen Ebenen: „Black Swan“ ist nicht nur eine faszinierende Interpretation der Schwanensee-Geschichte und ein ungeheuer spannender Film, sondern auch eine gelungene Charakterstudie. Schon bevor Nina nach und nach dem Wahnsinn verfällt, ist ihre Figur höchst interessant. Nina ist von Beginn an ein Mädchen, dass noch in ihrem rosa Kinderzimmer wohnt, voll mit Plüschtieren, immer in Mamas Nähe. Sie wirkt unsicher, geradezu frigide, Sexualität scheint es in ihrem Leben nicht zu geben. Und wie auch? Ihre Mutter dominiert ihr Leben, die Beziehung der beiden scheint voll von ausgesprochenen Konflikten, doch trotzdem sind sich Nina und Erica unangenehm nahe. Nina verkörpert den weißen Schwan. Ziemlich schnell wird klar, worauf Aronofsky hinaus will: Nina muss zum schwarzen Schwan werden. Nicht, um wie in Schwanensee den Prinzen zu bekommen, sondern um ihren Part zu meistern. Und eben diese Aufgabe ruiniert sie, stürzt sie in den Wahnsinn.

Aronofsky trägt von Beginn an dick auf, Subtilität ist ihm fremd: Nina ist immer in hellen Tönen gekleidet, ihre Konkurrentin Lily trägt ausschließlich schwarz. Der Spiegel als Symbol für Ninas Doppelrolle als weißer und schwarzer Schwan taucht unzählige Male auf. Warum auch nuanciert arbeiten, wenn Schwanensee, die Vorlage, ebenso schwarz-weiß-Zeichnung par excellence ist? Aronofsky unterstützt die Tragik der Geschichte sogar noch durch die Musik von Clint Mansell, die theatralischer nicht hätte ausfallen können. Doch all das schadet nicht, im Gegenteil: Der Zuschauer bekommt das Gefühl, etwas Großes zu sehen. Gerade Mansells Score, eine Abwandlung von Tschaikowskis Schwanensee-Musik, gibt dem Film soviel an Stimmung und Opulenz und bildet damit einen essentiellen Bestandteil an der Brillanz von „Black Swan“.

Beeindruckende Poster zum Film

Beeindruckende Poster zum Film

Noch wichtiger für das Gelingen eines Films ist seine Besetzung. Und hier ist Natalie Portman kaum genug zu loben. Portman ist in jeder Szene zu sehen, die Kamera klebt förmlich an ihr (oh, allein Matthew Libatiques Kameraführung löste bei mir immer wieder Gänsehaut aus), sie dominiert den Film. Die sehr physische Rolle verlangte Monate harten Trainings und eine Gewichtsabnahme von zehn Kilo. Und so ist nicht nur die Wandlung zum schwarzen Schwan herausragend gespielt, sondern auch die Ballettszenen ein Augenschmaus. Auch am Rest des Casts gibt es nichts auszusetzen: Barbara Hershey erschafft als Ninas Mutter einen Charakter, den man zu hassen liebt. Vincent Cassel bleibt als Thomas stets etwas undurchsichtig. Winona Ryder tritt zwar nur für wenige Minuten auf, doch in diesen darf sie ihr Können unter Beweis stellen. Auch Mila Kunis meistert ihre Rolle; da diese aber recht schwach ausgearbeitet ist, hat sie nicht allzu viel zu tun.

Gerade mit den Horrorelementen werden wohl einige Zuschauer Probleme haben. Doch kann man sich damit anfreunden, darf man einen perfekt inszenierten und überragend gespielten Film genießen, der in Erinnerung bleiben wird. Die atemberaubende Kombination eleganter Bilder und beängstigend guter Musik sollte unbedingt im Kino erlebt werden.

10/10

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