Network

Beim letzten Versuch, das Fernsehen, seine Quotengier und den Verfall jeglichen Niveaus in Form eines Kinofilms zu kritisieren, war das Ergebnis ziemlich peinlich: In „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“ muss Moritz Bleibtreu als Fernsehproduzent erkennen, dass er zur Volksverblödung beiträgt um daraufhin die Einschaltquoten so zu manipulieren, dass nur noch anspruchsvolle Dokumentationen im arte-Stil Erfolg haben. Das ist zwar eine nette Utopie, aber ein schlechter Film. Wie man es richtig macht, zeigte bereits 1976 „Network“, eine Mediensatire auf höchstem Niveau.

Peter Finch als Howard Beale

Peter Finch als Howard Beale

Howard Beale (Peter Finch) arbeitet schon seit Jahren beim Fernsehsender UBS als Nachrichtensprecher, doch die besten Zeiten liegen hinter ihm: Seine Frau ist verstorben, er trinkt zu viel und die Einschaltquoten sind im Keller. Als er erfährt, dass er seinen Job in zwei Wochen verlieren wird, kündigt er an, sich in der kommenden Woche vor laufender Kamera umzubringen. Max Schumacher (William Holden, Sunset Blvd.), sein langjähriger Freund und Chef der Nachrichtenabteilung von UBS, will Howard eine letzte Chance geben, sich von seinem Publikum zu verabschieden. Doch statt versöhnlicher Worte lässt er seinem Frust freien Lauf. Die Einschaltquoten schnellen daraufhin in die Höhe und die junge Programmchefin Diana Christensen (Faye Dunaway, Chinatown), die seit der Übernahme von UBS durch den Konzern CCA hart an ihrer Karriere arbeitet, setzt Howard daraufhin allabendlich als wütenden Propheten ein und etabliert damit eine Hit-Show. Während Max eine Affäre mit Diana beginnt, wird Howards Gesundheitszustand immer bedenklicher, seine Ansprachen immer desillusionierender und unbeliebter. Frank Hackett (Robert Duvall), der von CCA die Verantwortung über UBS anvertraut bekommen hat, sieht sich gezwungen, etwas zu unternehmen.

Faye Dunaway als Diana Christensen

Faye Dunaway als Diana Christensen

„Network“ ist ein großartiges Werk, doch am meisten Anerkennung hat wohl Drehbuchautor Paddy Chayefsky verdient: Er konfrontiert den Zuschauer mit den unterschiedlichsten Ebene der Senderorganisation, zeigt Programmverantwortliche im Namen der Quote mit Terroristen verhandeln, lässt Existenzen und Liebesbeziehungen auf tragische Weise scheitern, formuliert Ansprachen über den Verfall der Demokratie, die Dehumanisierung der Gesellschaft, das politische Diktat der internationalen Großkonzerne und präsentiert all dies in messerscharfen Dialogen, deren Brillanz schlichtweg beeindruckend ist. Sicherlich spricht kein Mensch in solchen Sätzen; die Charaktere sind größtenteils Stereotypen, die Handlung fern jeglicher Realität. Doch „Network“ ist eine Satire, die überspitzen will und auch soll. Dass „Network“ trotz der Fülle an Inhalten konsumierbar bleibt, ja sogar blendende Unterhaltung bietet, ist Chayefskys Verdienst.

Nebenbei ist „Network“ großes Schauspielkino: Peter Finch konnte für die letzte Rolle vor seinem Tod berechtigterweise den Oscar gewinnen. Faye Dunaway erhielt die Auszeichnung ebenso, bewegt sich aber zwischenzeitlich arg an der Grenze zum Overacting. Und Beatrice Straights fünfminütiger Auftritt als Max Schumachers Ehefrau geht als kürzeste oscarprämierte Filmrolle in die Geschichte ein.

„Network“ erscheint in Hochzeiten des Trash-TVs geradezu wie eine Prophezeiung aus der Vergangenheit. Noch dazu beeindruckt Sidney Lumets preisgekröntes Werk auch heute noch als fast perfekter Film, dem ein bisschen mehr Tiefe in der Charakterzeichnung sogar die Höchstwertung eingebracht hätte.

9/10

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