Another Year

Mike Leigh („Secrets & Lies“, „Vera Drake“) ist bekannt für seinen pessimistischen Blick auf die englische Arbeiterklasse. Schon vor drei Jahren sorgte er deshalb mit „Happy-Go-Lucky“ und einer völlig überdreht-optimistischen Sally Hawkings für eine große Überraschung. Auf den ersten Blick ist „Another Year“, sein neuestes Werk, erneut eine gut gelaunte Komödie, schildert er doch schließlich das Leben des seit Jahrzehnten glücklichen Paares Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen). Doch die ganze Misere steckt in den Freunden der heilen Familie: Ken (Peter Wight) ist einsam, trinkt und isst viel zu viel und kommt mit dem Wandel der Zeit nicht klar. In einer modernen Gesellschaft sieht er für einen alten Sack wie sich keinen Platz mehr. Toms Bruder Ronnie (David Bradley) verfällt nach dem Tod seiner Frau in eine Starre. Obwohl er sie über Jahre schlecht behandelt hat, hat sie für ihn gesorgt. Wie soll er, mittlerweile 70, da plötzlich alleine zurecht kommen?

Und allen voran ist da Mary (eine alle überragende Lesley Manville), eine Arbeitskollegin von Gerri, um die 50, geschieden und immer auf der Suche nach dem Glück, dem Mann fürs Leben und einem etwas zu vollen Glas Wein. Obwohl Mary zur Komik von „Another Year“ erheblich beiträgt, steckt in ihr doch auch die ganze Tragik von Leighs Geschichte. Erwachsen scheint Mary nie geworden zu sein – selbst der Kauf eines Autos überfordert sie heillos -, für ihr Glück will sie selbst nicht verantwortlich sein. Ihre Lebenszufriedenheit legt sie in die Hände von Tom und Gerri, die jeder noch so traurigen Gestalt eine Obhut oder zumindest ein geduldiges Ohr bieten, oder – noch lieber – in kräftige Männerarme. Selbst vor Gerris Sohn Joe (Oliver Maltman) macht Mary da keinen Halt, obwohl sie doch vor 20 Jahren noch seine „Auntie Mary“ war.

Lesley Manville als Mary

Leigh teilt seinen Film in vier Kapitel auf – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Doch während das Jahr voranschreitet und das Glück auf der Seite des Ehepaares bleibt, scheint es für alle anderen kaum Hoffnung zu geben. Mit jeder weiteren Jahreszeit gibt es einen neuen Tiefpunkt. Obwohl im Zentrum von „Another Year“ ein geradezu überglückliches Paar steht, findet Leigh also zu seinem Pessimismus zurück. Gerade der Kontrast zwischen dem Glück der einen und der Verzweiflung der anderen macht den Film geradezu böse. Den Verlierern des Lebens bleibt zum Ende nichts übrig, als Tom und Gerri dabei zuzusehen, wie sie ihr Glück genießen – ohne ihnen auch nur einen Vorwurf machen zu können.

Mit „Another Year“ ist Mike Leigh und seinem beeindruckenden Ensemble ein wunderbarer kleiner Film gelungen, der auf sehr stille Weise in die Tiefen der menschlichen Seele blickt und dabei doch ein wohlig-warmes Gefühl hinterlässt. Man möchte Tom, Gerri, Mary, Ken und all den anderen am Ende gerne ein weiteres Jahr dabei zusehen, wie sie ihr Leben, mit allen Höhen und Tiefen, meistern – oder eben nicht.

9/10

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