127 Hours

In „127 Hours“ erzählt Danny Boyle („Trainspotting“, „Slumdog Millionaire“) die wahre Geschichte von Aron Ralston, der sich 2003 beim Klettern in den Canyons in Utah seinen Arm unter einem Felsen einklemmte und sein Leben schließlich nur durch die Amputation mit einem stumpfen Taschenmesser retten konnte. Trotz überwältigender Kritiken hatte „127 Hours“ schnell den Ruf des „Amputationsfilms“ – die Berichte von Kinobesuchern, die während der Vorstellung zusammenbrachen oder Panikattacken erlitten, taten ihr übriges. Der finanzielle Erfolg blieb dem Film in den USA verwehrt, doch immerhin gab es sechs Oscarnominierungen, unter anderen für den Besten Film und für James Franco, der hier eine eindrucksvolle One-Man-Show abliefert.

Bei der Inszenierung von „127 Hours“ stand Danny Boyle wohl vor dem großen Problem, dass seine Geschichte größtenteils in einem Felsspalt spielt und wohl 90 Prozent der Zuschauer mit dem Ausgang vertraut sein dürften. Dass der Film trotzdem gut unterhält, liegt an Boyles inszenatorischen Tricks: Um Aron eine Persönlichkeit zu verleihen, setzt er Flashbacks und Halluzinationen ein. In der wohl besten Szene des Films denkt sich Aron in eine Radio-Talkshow, in der er bezüglich seiner misslichen Lage interviewt wird. Als der Radiomoderator-Aron feststellt „You didn’t tell anyone where you were going“ und Aron nichts als ein leises „Oops“ entgegnen kann und ihm mit einem Schlag alle Fehler, die er hätte vermeiden können, bewusst werden, kann Franco glänzen.

Boyles Raffinesse verschafft zwar einen Zugang zu dem Charakter Aron Ralston, doch seine Inszenierung wirkt zwischenzeitlich auch arg manipulativ. Sicherlich soll Kino manipulieren, ja, muss sogar manipulieren, um den Zuschauer zu fesseln; doch der Zuschauer sollte dabei nicht merken, dass er gerade manipuliert wird. Boyle jedoch kleckert nicht mit Mitteln der Manipulation, er klotzt. Der Dynamik wegen hagelt es Splitscreens, die Amputationsszene wird mit kreischenden Soundeffekten unterlegt und durch Zwischenschnitte auf Francos schmerzverzerrtes Gesicht unterstützt;um Aron Lebenswillen auch wirklich dem letzten Zuschauer nahezubringen, muss das Finale mit schier unendlich lebensbejahender Musik untermalt sein. Scheinbar unterschätzt Boyle die Empathiefähigkeit seines Publikums so sehr, dass er uns jede potentielle Emotion geradezu einpeitscht.

Damit erreicht er sicherlich sein Ziel – man leider mit Aron, man freut sich mit ihm -, doch Subtilität ist etwas anderes. Dass es Boyle jedoch gelungen ist, aus einer Geschichte, die man in einem Satz zusammenfassen könnte, einen humorvollen, berührenden und unterhaltsamen Film zu machen, ist dennoch beeindruckend.

8/10

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