Dog Day Afternoon

Heutzutage darf Al Pacino nur noch im Fernsehen demonstrieren, warum er als einer der großartigsten Darsteller aller Zeiten gilt (Angels In America, You Don’t Know Jack); in den 70er Jahren hat er sich diesen Status gerade erst erarbeitet. Francis Ford Coppola machte ihn durch seine „Godfather“-Filme schon zur Ikone, Sidney Lumet (12 Angry Men, Network) baute diesen Status mit „Serpico“ und „Dog Day Afternoon“ noch aus. Letzterer balanciert so stilsicher zwischen Komödie, Charakterdrama und Thriller, dass er auch heute noch – nicht nur wegen Pacino – als Klassiker gilt.

Als Vorlage für seinen Film nutzte Lumet die Geschichte von John Wojtowicz, der im August 1972 mit zwei Komplizen eine Bank in Brooklyn überfallen hat. Aus Wojtowicz wurde Sonny Wortzik (Pacino), einige Details wurden für die filmische Umsetzung abgeändert, doch der Großteil der Handlung scheint authentisch zu sein. Der Banküberfall geht natürlich schrecklich schief, aus einem auf wenige Minuten angelegten Verbrechen wird ein 14-stündiges mediales Großereignis mit Geiseln, unzähligen Polizisten und einem skurrilen, aber dennoch berührenden Motiv für den Überfall.

Lumet macht die Verbrecher zu Stars und die Polizisten zu Bösewichten. Der Zuschauer sympathisiert mit Sonny und seinem lethargischen Partner Sal (John Cazale), weil sie sich recht schnell als ungefährlich erweisen. Würden sie jemandem etwas antun, dann nur aus Nervosität. Sonny betont einmal „I’m a Catholic, I don’t want to hurt anybody“, während Sal nicht einmal raucht, aus Angst, Krebs zu bekommen. Sogar die Geiseln scheinen zu Sonny und Sal zu halten. Die Bösewichte sind also die, die auf der Seite des Gesetzes stehen. Sie umlagern die Bank, sie richten ihre Waffen von allen Seiten auf Sonny, wenn er das Gebäude für Verhandlungen verlässt. Bis zum Ende hofft man als Zuschauer, dass sich Sonny doch noch aus seiner prekären Lage befreien kann.

„Dog Day Afternoon“ funktioniert deshalb so gut, weil im Zentrum ein komplexer, fesselnder Charakter steht. Sonny, ein Vietnamkämpfer, der keine Arbeit findet, ist impulsiv und wütend, doch immer wieder kommt seine Unsicherheit, manchmal gar seine Verletzlichkeit an die Oberfläche. Eine weitere ungeahnte Dimension erhält die Figur, wenn der Zuschauer die Motivation für Sonnys Handeln erfährt. Pacino meistert alle Gefühlslagen eindrucksvoll und lenkt jegliche Aufmerksamkeit auf sich. Dass alle anderen Figuren da zu kurz kommen und stellenweise wie bloßes Beiwerk wirken, fällt so kaum auf.

Sidney Lumet charakterisiert in „Dog Day Afternoon“ neben dem dominanten Protagonisten vor allem den pessimistischen, von den Erfahrungen in Vietnam geprägten Zeitgeist der 1970er Jahre und schafft dabei einen weiteren hervorragenden Film.

9/10

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