Dogtooth (Kynodontas)

„Dogtooth“ war der griechische Beitrag für die diesjährige Oscarverleihung, musste sich aber Susanne Biers neuestem Werk geschlagen geben. Dabei war schon allein die Nominierung als bester fremdsprachiger Film ein kleines Wunder, gilt die Academy doch oft als etwas konservativ. Der Film von Giorgos Lanthimos mutet wie ein perverses psychologisches Experiment an und lässt den Zuschauer ratlos zurück.

Im Zentrum von „Dogtooth“ steht einen namenlose Familie. Die Eltern (Christos Stergioglou und Michele Valley) schotten ihre Kinder (Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni und Hristos Passalis), die alle gerade erwachsen werden, systematisch von der gefährlichen Außenwelt ab. Das Haus ist von einer hohen Mauer umgeben, nur der Vater verlässt das Anwesen, um zur Arbeit in seine Firma zu fahren und Lebensmittel zu kaufen, von denen er alle Etiketten entfernt. Die Kinder beschäftigen sich meist mit bizarren Wettbewerben, in denen sie scheinbar um die elterliche Liebe kämpfen. Das Vokabular der Familie unterscheidet sich oft vom normalen Alltagsgebrauch von Worten: „Telefon“ bedeutet etwa Salz, „Meer“ nennt man einen Wohnzimmersessel. Alles, was nicht in das nur einige hundert Quadratmeter umfassende Weltbild der Familie passt, wird geleugnet. Hinaus in die böse Welt dürfen Kinder erst, wenn ein „Dogtooth“, das Familienwort für einen Eckzahn, ausgefallen ist.

Doch das Familiensystem gerät durcheinander, als Christina (Anna Kalaitzidou), eine Sicherheitsangestellte der Firma des Vaters, regelmäßig in das Haus kommt, um Sex mit dem Sohn zu haben. Was vom Vater als Triebabfuhr gedacht ist, führt zur gesteigerten Neugier bezüglich der Welt hinter der Mauer und erhöht die Spannungen innerhalb der Familie.

Lanthimos erklärt nicht, was in der Familie vor sich geht, er stellt das Geschehen unkommentiert und teilweise zusammenhangslos in den Raum, doch von Beginn an fühlt man, dass etwas nicht stimmt. Die Stimmung wandelt auf einem schmalen Grat zwischen Unschuld, sexueller Spannung und brodelnder Gewalt. Nur nach und nach kann der Zuschauer die Puzzleteile des Films zusammensetzen und dann erschrocken über das perverse Spiel staunen.

Die oft statische Kamera fängt unheimlich schön komponierte Bilder ein, doch immer wieder schneidet sie einen Teil des Geschehens ab. Genau wie die isolierten Kinder hat der Zuschauer dann das Bedürfnis, mehr zu sehen, auch wenn es sich um unangenehme Dinge handelt.

„Dogtooth“ erzeugt ein unangenehmes Gefühl, ist stellenweise gar abstoßend, löst aber gleichzeitig eine ungeheure Faszination aus. In seiner Verdorbenheit ist Lanthimos wie ein Fragment eines Films wirkendes Werk stellenweise gar brüllend komisch. Was man aus dem Gesehenen allerdings macht, bleibt jedem selbst überlassen. Ein Studie über den Rückzug in die Isolation des Privaten? Eine Karikatur extremer Erziehungsmethoden? Eine politische Allegorie über totalitäre Strukturen? Oder einfach nur ein abscheulicher Film, der schockieren will?

„Dogtooth“ polarisiert, ist extrem, doch er lässt nicht unberührt. Ein Meisterwerk ist der Film vielleicht nicht, doch auf das weitere Schaffen von Giorgos Lanthimos darf man gespannt sein.

8/10

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