Hiroshima Mon Amour

„Hiroshima Mon Amour“ beginnt mit zwei nackten Körpern, zwei Liebhabern, von Staub bedeckt. „Du hast nichts gesehen in Hiroshima“ sagt er, „Ich habe alles gesehen in Hiroshima“ entgegnet sie. Man sieht Bilder aus Hiroshima – Leichen, Verbrennungen, Missbildungen, die Folgen der Bombe. Immer wieder sieht man die Körper der Liebenden, doch der Staub ist verschwunden.

Nach 15 intensiven Minuten erscheinen schließlich auch die Gesichter der Liebenden. Sie (Emmanuelle Riva, Amour) ist eine verheiratete französische Schauspielerin, die in Hiroshima einen Film dreht und nur noch einen Tag bleibt. Er (Eiji Okada) ist ein japanischer Architekt, ebenso verheiratet. Er hat durch die Bombe seine Familie verloren, doch nach und nach offenbart auch sie den Verlust, den sie während des Krieges erlitten hat.

Vor 14 Jahren verliebte sie sich in ihrem Heimatort Nevers in einen deutschen Soldaten. Doch als der erschossen wurde, verzweifelte sie an ihrer Trauer, wurde als Kollaborateurin beschimpft, kahlgeschoren und in den Keller gesperrt, bis sie schließlich mit dem Fahrrad nach Paris geschickt wurde. Dort angekommen, als ihr neues Leben begann, erfuhr sie von der Bombe in Hiroshima.

„So wie in der Liebe die Illusion da ist, diese Illusion, nicht vergessen zu können, so hatte ich die gleiche Illusion bei Hiroshima. Ich werde nicht vergessen können, genau wie in der Liebe.“

„Hiroshima Mon Amour“ zeigt zwei Menschen, die von ihren Erinnerungen geplagt werden, die mit diesen Erinnerungen scheinbar nicht leben können, aber ohne sie nicht leben wollen. Die Erinnerungen verblassen, und doch suchen sie sie immer wieder heim. Sie haben Angst vor dem Vergessen, verzweifeln daran. In der unmöglichen Liebe zu ihm, durchlebt sie die Gefühle zu dem deutschen Soldaten nochmals.

Alain Resnais schuf mit seinem ersten Spielfilm ein atemberaubend schönes und gleichzeitig unendlich trauriges Werk. Die Verbindung der Worte Marguerite Duras‘ mit den einprägsamen Bildern und dem schwermütigen und doch so grazilen Gesicht Emmanuelle Rivas ergibt cineastische Poesie.

„Hiroshima, das bist du“ sagt sie am Ende schließlich zu ihm, „Und du bist Nevers“ ist seine Antwort. Damit wehren sich die beiden gegen das Vergessen, doch ebenso gibt es damit für beide noch ein Stückchen Vergangenheit mehr, dass sie nicht mehr loslassen wird.

9/10

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