Conviction

Es gibt wahre Geschichten, die so unglaublich sind, dass sie sich wohl kein Drehbuchautor hätte ausdenken können. So eine Geschichte ist die von Betty Anne Waters (Hilary Swank, Million Dollar Baby). 1983 wird er Bruder Kenny (Sam Rockwell) wegen eines drei Jahre zurückliegenden Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Betty glaubt an seine Unschuld, holt ihren Schulabschluss nach und studiert Jura – neben ihren Aufgaben als Mutter und Kellnerin -, um schließlich 2001 als Anwältin mittels DNA-Analysen seine Unschuld zu beweisen.

Regisseur Tony Goldwyn stellt diese überlebensgroße Liebe zwischen Geschwistern in der Mittelpunkt seines Films. Gerade zu Beginn besteht „Conviction“ deswegen fast ausschließlich aus Flashbacks – in die Kindheit von Betty und Kenny sowie in die Jahre vor der Verhaftung. Diese Szenen heben sich zwar von der späteren, sehr konventionell-biederen Inszenierung des weiteren Verlaufs ab, wirken aber so planlos zusammengestückelt, dass der Film erstmal keinen rechten Rhythmus finden will.

„Conviction“ kann gut unterhalten und gegen Ende gar ein bisschen berühren; dass der Film nicht der große Wurf geworden ist, liegt vor allem an der Regie: Goldwyn geht keine Risiken ein, er inszeniert alle Stationen dieser unglaublichen Geschichte in gemäßigten Tempo und fordert von seinem Publikum an keiner Stelle, sein Hirn einzuschalten. In warmen Farben inszeniert er sein Rührstück und verlässt sich dabei voll auf seine Schauspieler.

Juliette Lewis

Der Cast kann tatsächlich glänzen: Hilary Swank hat man vielleicht schon zu oft in der Rolle der starken Kämpferin gesehen. Sie scheint Rollen anzuziehen, für die im deutschen Fernsehen Veronica Ferres besetzt worden wäre. Glücklicherweise ist Swank dann doch etwas talentierter und weniger nervig als Ferres, so dass man ihr die Kämpferrolle ohne Weiteres abnimmt. Aus der beeindruckenden Besetzung mit Melissa Leo (21 Grams, The Fighter), Minnie Driver, Clea DuVall, Peter Gallagher, Juliette Lewis (Natural Born Killers) und Sam Rockwell, stechen vor allem die beiden letztgenannten heraus. Lewis konnte in White-Trash-Rollen schon immer überzeugen. Ihre nur zwei Szenen umfassende Rolle in „Conviction“ ist White Trash pur, so dass ihre wenigen Leinwandminuten in Erinnerung bleiben. Rockwell sollte spätestens mit Moon bewiesen haben, dass er zu den besten Schauspielern seiner Generation zählt. Auch in seiner Rolle als Kenny Waters brilliert er.

„Conviction“ bietet großartiges Schauspielkino in einem unterhaltsamen Film, der unter seinen Möglichkeiten bleibt. Eine nicht ganz so brave Inszenierung hätte hier gut getan. So muss sich Goldwyn den Vorwurf gefallen lassen, dass er nur eine rührselige Geschichte erzählen wollte. Andernfalls hätte er noch erwähnen können, dass der echte Kenny Waters einige Monate nach dem Beginn seiner Freiheit bei einem Sturz ums Leben kam.

6/10

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