Last Year at Marienbad (L’année dernière à Marienbad)

Ein barockes Schlosshotel mit scheinbar unendlichen Korridoren, unzähligen Türen, dicken Teppichen, alten Gemälden. Die anwesende Gesellschaft ist reich und gut gekleidet, doch seltsam starr. Im Hotel befindet sich auch der Protagonist und Erzähler (Giorgio Albertazzi); das Drehbuch gibt ihm den Namen X. Er ist hier um sich mit der Frau A (Delphine Seyrig) zu treffen. Er behauptet, die beiden hätten sich vor einem Jahr geliebt und sich nun hier verabredet. Wegen eines Mannes M (Sacha Pitoëff), der vielleicht As Ehemann ist, musste die Liebe ein Jahr warten. Doch A scheint von nichts zu wissen. Er erzählt ihr detailliert ihre gemeinse Geschichte, erzeugt eine (falsche?) Erinnerung in ihr. Gegenwart, Vergangenheit, vielleicht auch Träume – alles vermischt sich. A erinnert sich nicht an letztes Jahr, A erinnert sich doch. Schüsse werden abgefeuert, A stirbt – und A lebt.

Mit „L’année dernière à Marienbad“ präsentiert Alain Resnais (Hiroshima mon amour) ein Labyrinth eines Films. Wie die Protagonisten in den verworrenen Gängen des Schlosses fast gefangenen zu sein scheinen, lässt er auch den Zuschauer keinen Ausgang aus dem Labyrinth finden. Er erzeugt mit seinen wunderschönen Bilder einer traumhafte Atmosphäre. Und auch die Protagonisten scheinen durch die Gänge und den langen Garten fast zu schlafwandeln.

Teile des Films wurden im Münchner Schloss Nymphenburg gedreht.

Interpretation gibt es viele: „L’année dernière à Marienbad“ zeige Xs Verführungsversuch durch das Schaffen einer fiktionalen Erinnerung; X sei ein Filmregisseur, der seine Geschichte und einzelne Szenen ständig umschreibt; A sei in einer Art Vorhölle, X versuche sie zurück ins Leben zu holen während M ein Vertreter der Hölle sei; der Film zeige ein gescheitertes Experiment, infolgedessen sich alle Gäste in einem time-loop befinden und ihre Geschichte bis in die Unendlichkeit wiedererleben müssen; das Geschehen sei eine Fortsetzung des Theaterstück vom Beginn des Films.

Möglich scheinen die Interpretationen alle zu sein, doch eine Antwort gibt es nicht. Das Rätsel hat keine Lösung und vielleicht liegt darin die Genialität des Films. Man kann sich „L’année dernière à Marienbad“ wieder und wieder und wieder ansehen, man kann neue Details entdecken, sich an den Bildern und der unwirklichen Stimmung ergötzen, das Spiel mit Erinnerungen gebannt verfolgen, doch die Erklärung wird man nicht finden.

8/10

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