Benny’s Video

Wer einen Film von Michael Haneke (Funny Games, Caché, Das weiße Band) ansehen will, sollte nicht unbedingt gute Unterhaltung, sondern eher anstrengendes Kopfkino erwarten. Und so beginnt „Benny’s Video“ schon mit einer wackeligen Videofilm-Aufzeichnung. Wir sehen einen Bauerhof, die Kamera bewegt sich auf ein Schwein zu. Ein Bolzenschussgerät wird an dessen Kopf angesetzt. Es wird abgedrückt, das Schwein fällt zu Boden, zuckt. Zurückspulen: Das Schwein steht wieder auf, lebt. Nochmal der Schuss. Wieder bricht es zusammen, zuckt, diesmal in Zeitlupe.

Aufgenommen wurden sie Szenen von Benny (Arno Frisch), einem 14-jährigen Jungen, dessen Zimmer mit bester Videotechnik und mehreren Monitoren ausgestattet ist. Mit schwarzen Vorhängen hat er die Fenster abgedunkelt. Eine Kamera filmt den Ausblick, den er auf einem Bildschirm verfolgen kann. Seine Eltern (Ulrich Mühe, Das Leben der Anderen, Angela Winkler, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Drei) sind beide berufstätig und haben wenig Zeit für Benny. McDonalds stellt sein tägliches Mittagessen.

Vor einer Videothek lernt er ein Mädchen (Ingrid Stassner) kennen und nimmt sie mit nach Hause. Er zeigt ihr sein Videoequipment und schließlich das Bolzenschussgerät, das er von der Schlachtung gestohlen hat. Er lässt es auf sich richten, doch das Mädchen drückt nicht ab. „Feigling!“ kommentiert er das. Dann richtet Benny es auf sie. Er drückt ab. Bis sie schließlich nach zwei weiteren Schüssen tot ist, vergehen einige Minute. Haneke bewegt seine Kamera dabei nicht, richtet sie stets auf einen Monitor, der das Geschehen aus dem Blickwinkel Bennys Kamera zeigt. Benny putzt daraufhin ruhig die Wohnung, lebt normal weiter und zeigt das Video vom Mord seinen Eltern. Diese versuchen ruhig zu bleiben – dem Vater gelingt das, der Mutter weniger – und beschließen, es sei das Beste, die Leiche zu entsorgen.

Haneke ist ein Filmemacher, der provozieren will. In „Funny Games“ präsentierte er sinnlose Gewaltexzesse nur der Freude an der Gewalt wegen. Er zeigt dem Publikum, was es sehen will. In „Benny’s Video“ ist die Gewalt nicht weniger drastisch – doch Haneke will sie hier begründen. Dabei schafft er es aber nicht, eine Simplifizierung der Ursachen zu vermeiden und stellt seine medienkritischen Intentionen zu plakativ zur Schau: Zwar wird Benny nicht nur durch das Konsumieren ach so böser Gewaltfilme zum Mörder; vielmehr ersetzen Videoaufnahmen seine Realität. Die Geschehnisse vor seinem Fenster zeichnet er auf und kann sie damit kontrollieren und manipulieren. In seiner Familie herrscht emotionale Kälte – in der Figur des Vaters ist diese stellenweise gar recht überzeichnet. Benny wirkt affektlos. Das Blut wird mit gleicher Miene weggewischt wie die verschüttete Milch. Moralische Vorbilder scheinen die Eltern nicht unbedingt zu sein: Statt den Kindern Liebe entgegenzubringen wird nur der mit zweifelhaften Mitteln erlangte finanzielle Erfolg der Tochter gefeiert. In diesem Umfeld erweist sich Benny im erstaunliche Ende des Films fast schon als moralische Instanz.

1992, zur Zeit der Entstehung von „Benny’s Video“, war ich gerade vier Jahre alt. Wie die mediale Verarbeitung von beispielsweise Gewaltfilmen zu dieser Zeit aussah, kann ich deshalb schlecht beurteilen. Heutzutage wird die Ursache jugendlicher Gewalt von Gutmenschen in guten Medien gerne in den bösen Medien – vor allem Filme und Videospiele – gesehen. Das Thema ist abgedroschen und wird auch in „Benny’s Video“ nicht differenziert genug präsentiert.

Obwohl sich Haneke bemüht und „Benny’s Video“ durchaus Qualitäten hat, sieht man als Zuschauer ständig den moralischen Zeigefinger vor sich erhoben. Damit hat Haneke einmal mehr schwieriges Kopfkino erschaffen, nur das diesmal auch nach dem gründlichen Durchdenken etwas Unzufriedenheit zurückbleibt.

5/10

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