Certified Copy (Copie Conforme)

Zu Beginn von „Certified Copy“ betritt der Autor und Kunstkenner James Miller (William Shimell in seiner ersten Rolle) irgendwo in der Toskana eine Bühne und hält einen Vortrag über sein neues Buch. Der Titel: Certified Copy. Er vertritt die Ansicht, dass die Kopie eines Kunstwerks genauso viel wert sein kann wie das Original. Kunst wird durch die subjektive Betrachtung zu Kunst, so dass eine Kopie letztendlich gar wertvoller als das Original sein kann. Die Frage nach Original und Kopie, nach Echtheit und Fälschung bestimmt fortan den Verlauf des Films.

Eine namenlose französische Kunsthändlerin (Juliette Binoche, die hierfür den Preis als beste Schauspielerin in Cannes erhielt) hört Teile seines Vortrags und scheint fasziniert von ihm. Sie arrangiert ein Treffen, so dass die beiden einen gemeinsamen Tag in der Toskana verbringen. Sie sprechen über die Kunst und das Leben, sie spricht über ihre Gefühle, er scheint eher kühl zu sein, sie sind umgeben von gerade heiratenden Paaren – und plötzlich scheinen die gerade noch Fremden doch schon eine gemeinsame Vergangenheit zu haben.

Sind James und sie etwa verheiratet? Ist er gar der Vater ihres Sohnes? Spielen die beiden nur Fremde, um am Jahrestag ihrer Hochzeit etwas Schwung in die Beziehung zu bringen? Oder mimen sie nur plötzlich das Ehepaar, um ihre Diskussionen anzuheizen? Klare Antworten gibt Abbas Kiarostami in seinem Film nicht. Ebenso wie das diskutierende Paar steht somit auch der Zuschauer vor der Frage, was echt ist und was nur eine Fälschung.

Achtung: SPOILER!

Für mich kristallisierte sich schließlich heraus, dass sich die beiden zwar kennen (und der Sohn sogar seiner ist), sie aber nicht verheiratet sind. Umgeben von Hochzeitspaaren verschlechtert sich ihre Stimmung, sie wirft ihm vor, nie für sie da zu sein. Selbst an Sonntagen wie diesem muss er sich immer wieder für Telefonate entschuldigen. Als sie eine Kellnerin fragt, ob sie Angst habe, dass ihr Ehemann mit einer Geliebten telefoniert, erfriert ihr Gesicht. Nicht, weil er mit einer Geliebten telefoniert, sondern weil sie die Geliebte ist. Seit 15 Jahren nun sind sie ein Paar. Nie hat er seine Frau für sie verlassen. Die Hochzeitsreise, die sie an diesem Tag nachempfinden, hat es nie gegeben, war nur ihr Wunschdenken. In einem Gespräch sagt James, dass er Certified Copy habe schreiben müssen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass die Kopie so gut wie das Original sein kann. Doch vielleicht versucht er auch sie zu überzeugen. Sie, die seit 15 Jahren nur Kopie und nie Original sein durfte. Und vielleicht ist auch alles ganz anders.

„Certified Copy“ fühlt sich an wie Richard Linklaters Before Sunset – die endlosen Dialoge, die europäische Umgebung, auch das offene Ende. Die Darsteller sind allerdings um die zehn Jahre älter und die Probleme damit andere. Und während Celine und Jesse schließlich zur alten Romantik zurückfanden, zeichnet „Certfied Copy“ das Bild einer Frau, die sich seit 15 Jahren ganz einem Mann hingibt, deren Liebe aber nie vollständig erwidert und auch nie – und das ist das Tragische – endgültig abgewiesen wird.

Kiarostami ist ein wundervoller kleiner Film gelungen: Der Einstieg fällt zwar ein bisschen schwer, doch die anregenden Dialoge, die für  jeden Zuschauer schließlich eine andere Geschichte entstehen lassen können, entschädigen dafür. Noch dazu darf man Juliette Binoche dabei beobachten wie sie lacht, wie sie weint und wie sie manchmal beides tut. Ihr natürliches Spiel trägt den Film und führt zu meiner Wertung von

9/10.

(Vom gewöhnungsbedürftigen deutschen Titel „Die Liebesfälscher“ sollte man sich nicht abschrecken lassen.)

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