Never Let Me Go

„Never Let Me Go“ ist die Verfilmung des gleichnamigen großartigen Romans von Kazuo Ishiguro, der in Deutschland unter dem Titel „Alles, was wir geben mussten“ erschien. Ishiguro erzählt die menschliche Seite einer Science-Fiction-Geschichte, er entwirft eine erschreckende Dystopie der britischen Gesellschaft und berührt mit seinem zurückhaltenden Schreibstil, wie er es schon in The Remains Of The Day getan hat.

Der Film von Mark Romanek (One Hour Photo) eröffnet mit einer erwachsenen Kathy (Carey Mulligan), die durch eine Scheibe dabei zusieht, wie Tommy (Andrew Garfield) auf seine OP vorbereitet wird. Dann erinnert sie sich an ihre gemeinsame Kindheit in Hailsham, einer an ein Internat erinnernde Einrichtung. Die Kinder in Hailsham scheinen wohlerzogen; im Unterricht wird besonders viel Wert auf Kunst gelegt. Ob Zeichnungen, Figuren oder Gedichte – immer wieder erscheint „Madame“ in Hailsham, um die besten Werke der Kinder auszuwählen und in die „Galerie“ mitzunehmen.

Achtung: SPOILER!

Was genau die „Galerie“ ist, wissen die Kinder nicht, und die meisten werden es auch nie erfahren. Doch auch sonst scheint Hailsham kein normales Internat zu sein. Die Kinder wissen, dass sie „besonders“ sind, dass sie auf ihre Gesundheit achten sollen; doch erst durch Miss Lucy (Sally Hawkins, Happy-Go-Lucky) erfahren sie ihre Bestimmung: Sie sind Klone, nur dazu geschaffen, ihre Organe zu spenden. Damit ist ihr Lebensweg vorbestimmt. Sie werden nicht auswandern, keine Karrieren starten; nach der Internatszeit werden sie einige Jahre mit anderen Klonen verbringen, sogar Freizeit haben. Einige von ihnen – so etwa Kathy – werden „Carer“ und kümmern sich um all die „Donors“, die schon eine, vielleicht auch mehrere Operationen hinter sich haben. Doch alle werden sie schließlich – manche früher, manche später – ihren Zweck erfüllen und sterben.

Schon während ihrer Zeit in Hailsham scheinen Kathy und Tommy füreinander bestimmt zu sein. Doch die dominante Ruth (Keira Knightley), Kathys beste Freundin, kommt mit Tommy zusammen. Als Kathy und Tommy schließlich doch zueinander finden, scheint es zu spät zu sein. Tommy hat seine zweite OP schon hinter sich. Ihre letzte Hoffnung ist ein Gerücht, das in Hailsham lange Zeit seine Runden machte: Können zwei Schüler beweisen, dass sie sich lieben, wird ihnen ein Aufschub gewährt.

In „Never Let Me Go“ geht es um eine Gruppe von Menschen, die dazu erzogen werden, ihren Zweck zu erfüllen. Menschen, die nur dazu da sind, anderen zu dienen. Der Film zeigt Menschen, die nicht einmal auf die Idee kommen, ihrer Bestimmung zu entfliehen. Kathy, Tommy und Ruth akzeptieren ihren Lebensplan. Sie sollten schreien (nur Tommy tut das), flüchten und Spaß haben. Sie sollten rebellieren, durchdrehen, explodieren. Doch sie nehmen ihr Schicksal hin. So wie es eben auch Menschen in der Regel tun.

„Never Let Me Go“ ist ein tieftrauriger, geradezu depressiver Film, und doch steckt er so voller Schönheit. Er zeigt nicht nur abscheuliches menschliches Verhalten, sondern auch die Übernahme von Verantwortung, bedingungslose Hilfsbereitschaft und scheinbar unsterbliche Liebe. Wie Ishiguro schafft es Romanek, die Geschichte so subtil zu inszenieren, dass unnötiger Kitsch ausbleibt.

Carey Mulligan als Kathy

Getragen wird „Never Let Me Go“ von einem fantastischem Darstellertrio. Keira Knightley (Atonement, A Dangerous Method) transportiert die Einsamkeit ihrer Figur überzeugend, Andrew Garfield (The Social Network) berührt mit seiner Darstellung des unsicheren und immer wieder so voller Wut steckenden Tommy; doch im Zentrum steht Carey Mulligans (An Education, DriveShame) Kathy. Kathys Hoffnung zerfällt nach und nach; sie kann nur dabei zusehen, wie alle um sie herum Stück für Stück sterben. Und obwohl sie weiß, dass sie ebenso enden wird, bleibt sie ruhig und unterstützt die „Donors“, die Hilfe brauchen. In ihrem Leben gibt es keinen Grund zur Hoffnung mehr, doch sie hält sich fest an Erinnerungen an schöne Momente in ihrer Kindheit, an Tommy.

Romaneks Verfilmung kann nicht ganz mit Ishiguros Meisterwerk mithalten. So kommt im Roman etwa die Enge der Freundschaft zwischen Kathy, Ruth und Tommy besser zur Geltung. Doch Romaneks Umsetzung ist ebenso berührend und besticht durch glänzende Darsteller.

9/10

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