Who’s Afraid Of Virginia Woolf?

Zur Zeit seiner Entstehung war „Who’s Afraid Of Virginia Woolf?“ ein höchst brisanter Film: Die derbe Sprache in Edward Albees gleichnamigen Theaterstück hielten Kritiker für ungeeignet für eine Kinoadaptation. Zudem galt in Hollywood noch bis 1968 der „Production Code“, Richtlinien, die vorschrieben, was in einem Film gesagt oder gezeigt werden durfte. Ein Satz wie „Hump the hostess“ galt im amerikanischen Kino als skandalös. Noch dazu übernahmen Elizabeth Taylor und Richard Burton die Hauptrollen – sie galt als größter Filmstar der Welt, er als einer der begnadetsten Schauspieler. Zum Zeitpunkt des Filmdrehs waren Taylor und Burton zum ersten Mal verheiratet; ihre Ehe war eine mediales Großereignis, geprägt von Liebe und Leidenschaft, Skandalen und Schlägen. Man könnte fast meinen, Taylor und Burton spielten sich in „Who’s Afraid Of Virginia Woolf?“ selbst. Schließlich geht es um Martha und George, ein lange verheiratetes Paar, das sich mehr verachtet, als es sich liebt.

Es ist nach Mitternacht, Martha und George kommen von einer Feier. Obwohl es so spät ist, erwarten sie noch Gäste: Nick (George Segal) und Honey (Sandy Dennis). Nick hat gerade ein Stelle an der Universität übernommen, die Marthas Vater leitet und an der auch George lehrt. Die vier werden eine Nacht erleben, die laut anfängt und immer lauter wird. Martha und George werden sich gegenseitig demütigen, ihr Spiel miteinander spielen. Sie werden ihre längst kaputte Ehe zerstören und alle Illusionen des noch jüngeren Ehepaares gleich mit vernichten.

Edward Albee reißt in seinem hochgelobten Stück alle falschen Bilder der Figuren ein, lässt seine Figuren sich gegenseitig geradezu emotional vergewaltigen. Am Ende bleiben ihnen keine Lügen, keine Geheimnisse mehr übrig. Immer wieder singen die Charaktere – zunächst scherzhaft – „Who’s afraid of Virginia Woolf, Virginia Woolf, Virginia Woolf?“. Doch alle haben sie Angst vor der von der Schriftstellerin symbolisierten Wahrheit, versuchen sie im Alkohol zu ersticken, versaufen die Nacht – bis George darauf keine Lust mehr hat und beginnt, die Lebenslügen von Nick und Honey, vor allem aber von Martha aufzudecken.

George (Richard Burton) und Martha (Elizabeth Taylor) – eine Hassliebe

Das für 13 Oscars nominierte Regiedebüt von Mike Nichols (The Graduate, Closer, Angels In America) entfaltet eine emotionale Wucht, die nicht nur von der exzellenten Vorlage Albees, sondern auch von den Darstellern ausgeht: Während Sandy Dennis hart an der Grenze zum Overacting spielt, bildet George Segal den dringend nötigen Ruhepol des Films. Elizabeth Taylor, mit grau gefärbten Haaren und zusätzlichen 15 Kilos auf ihren Hüften, spielt wohl als Martha die Rolle ihres Lebens. Sie flucht und schreit, sie ist vulgär, sie heult und sie säuft, sie verliert jeden Selbstrespekt. George beschreibt sie als „spoiled, self-indulgent, willful, dirty-minded, liquor-ridden“. Taylor geht in der Rolle auf macht sie nicht zum bloßen verbitterten Weib, sondern lässt den Zuschauer auch ihren Schmerz und ihre Verzweiflung spüren. Nicht weniger begeistert Richard Burton als George, der sich alle Boshaftigkeiten von Martha gefallen lassen muss und dem Leben nur noch mit Bissigkeit und Sarkasmus begegnen kann.

„Who’s Afraid Of Virginia Woolf?“ ist eine großartige Verfilmung eines ebensolchen Stückes, die von den Schauspielleistungen des einstigen Traumpaares Taylor und Burton lebt. Als Zuschauer ist man am Ende des Films ebenso geplättet wie die Charaktere. Mehr als zwei Stunden Geschrei und Geprügel sind anstrengend anzusehen – und doch ist „Who’s Afraid Of Virginia Woolf?“ ein Meisterwerk, das man gesehen haben muss.

10/10

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