Brighton Rock (2010)

1938 schuf Graham Greene mit „Brighton Rock“ einen Klassiker der englischen Literatur, der schon 1947 mit Richard Attenborough verfilmt wurde. Rowan Joffe wagte sich nun an eine Neuverfilmung des Stoffes. Über die Thematik der Romas habe ich selbst nur gelesen, den Original-Film kenne ich nicht. So kann ich auch keine Vergleiche anstellen, sondern „Brighton Rock“ nur als eigenständigen Film bewerten.

Im Zentrum des Geschehens steht Pinky (Sam Riley, Control), Teil einer kleinen Gangsterbande und selbst noch ein Teenager. Nachdem Pinkys Boss ermordet wurde, rächt er sich brutal, erschlägt den Mörder mit einem Stein am Strand Brightons. Pinky sieht sich als neuen Boss seiner Bande, doch seine Jugend steht ihm im Weg; sie verhindert den nötigen Respekt der Kollegen. Noch dazu gibt es mit Rose (Andrea Riseborough, Never Let Me Go), einer jungen, naiven Kellnerin aus ärmlichen Verhältnissen, eine Zeugin des Mordes. Pinky bringt sie zum Schweigen, indem er eine Beziehung mit ihr eingeht. Doch Roses Chefin Ida (Helen Mirren, The Queen, Gosford Park) versucht mit allen Mitteln, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Was mich am meisten an „Brighton Rock“ störte – und es störte mich einiges -, war die Figur der Rose und ihre bedingungslose Liebe zu Pinky. Rose hat keinen Grund, sich in Pinky zu verlieben. Er kommt in ihr Café, ist vernarbt und unfreundlich, hat für den Zuschauer keinen erkennbaren Charme und verändert seinen grimmigen Gesichtsausdruck nie. Trotzdem beginnt Rose, die sonst eher schüchtern wirkt, direkt ein Gespräch mit ihm. Von nun an wird sie von Pinky konstant schlecht behandelt, gedemütigt und unterdrückt. Warum sie sich an ihn bindet, ist mir ein großes Rätsel und führt dazu, dass der ganze Film nicht funktioniert. Vielleicht wollte Rose ihrem Elternhaus entkommen, doch besser ergeht es ihr mit Pinky nicht. Im Verlauf des Films bestätigt sich, dass ihre einzige Eigenschaft Dummheit zu sein scheint. Rose suhlt sich in ihrer Opferrolle und ist die wohl nervigste Filmfigur, die mir in letzter Zeit untergekommen ist.

In der schönsten Szene des Films nimmt Pinky eine Schallplatte für sie auf. Rose hört nicht, was er sagt, sondern sieht ihm nur durch eine Scheibe dabei zu. Doch er spricht alles aus, was ich mir auch als Zuschauer schon gedacht habe: Er liebt sie nicht, er hasst sie. Er hasst ihr Verhalten und ihr Aussehen. Er hasst, wie sie spricht. Durch die Scheibe der Aufnahmezelle sieht man Roses dümmliches Grinsen und ist erleichtert, nicht der einzige zu sein, der Roses Charakter geradezu abstoßend findet. Die Szene wäre wohl eine cineastisches Meisterwerk, wäre sie auch so intendiert. Doch Joffe will Rose als tragische Figur zeichnen und scheitert damit grandios.

Das liegt nicht an Andrea Riseborough. Sie macht, was Drehbuch und Regisseur von ihr verlangen, doch ihr Gesicht will ich trotzdem so schnell nicht mehr sehen. Auch Sam Riley, der für seine Rolle etwa zehn Jahre zu alt ist, kämpft mit einer Figur, die um ihre Komplexität aus der literarischen Vorlage beraubt wurde. Seine Vergangenheit oder seine gestörtes Verhältnis zur Sexualität spart der Regisseur aus. Pinkys widersprüchliches Verhalten als sündigender Katholik thematisiert der Film zwar – doch verliert sich Joffe zunehmend in kirchlicher Symbolik, statt den Kontrast zwischen Katholizismus und moralischem Verhalten herauszuarbeiten. So bleibt Pinky ein 30-jähriger Teenager mit eingefrorener Mimik, der weder von der Gangsterwelt, noch vom Publikum recht ernst genommen werden kann.

Nicht alles an „Brighton Rock“ ist schlecht: Immerhin Helen Mirren und John Hurt als ihr ständiger Begleiter Phil Corkery sind hin und wieder amüsant. Die von Kameramann John Mathieson eingefangenen Bilder beschwören eine düstere Atmosphäre eines kriminellen Sumpfes im Noir-Stil herauf und verleihen dem Film zusammen mit dem Score von Martin Phipps einiges an Opulenz.

Doch Joffe trägt in seiner Inszenierung eine Spur zu dick auf, ergötzt sich an der Melodramatik des Stoffes. Und so ist „Brighton Rock“ ein Film, der großartig hätte sein können, es aber letztendlich nicht einmal ins Mittelmaß schafft.

3/10

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