Ghost World

Enid (Thora Birch) und Rebecca (Scarlett Johansson) haben gerade die High School abgeschlossen und leben fortan in den Tag hinein. Sie sind Außenseiter, die mit ihren fröhlich grinsenden Mitschülerinnen und deren ausgearbeiteten Lebensentwürfen nichts anzufangen wissen. Enid und Rebecca sind entfremdet von der Welt, begegnen ihr mit Zynismus und haben selbst noch keinen Platz in ihr gefunden. Doch die Zeit der jugendlichen Sorglosigkeit nähert sich einem Ende und vor allem Enid bekommt das schmerzhaft zu spüren.

„Ghost World“ beginnt als böse Komödie. Enid und Rebecca verachten ihre Umgebung, erlauben sich ihre Späße mit ihrem Mitschüler Josh (Brad Renfro) und genießen – auf ihre eigene Art – das Nichtstun. Sie antworten auf eine Kontaktanzeige und kommen so mit dem von der Welt enttäuschten Plattensammler Seymour (Steve Buscemi, Fargo) in Kontakt. Vor allem Enid ist fasziniert von seiner verschrobenen, aber doch ehrlichen Art: Seymour ist er selbst, auch wenn das bedeutet, ein Loser zu sein, der kein Glück bei den Frauen hat.

Doch nach und nach wird „Ghost World“ ernster, ja, fast schon tragisch: Rebecca, Seymour, Enids Vater (Bob Balaban, Gosford Park) – alle verändern ihr Leben. Enid fühlt sich enttäuscht, vielleicht ein Stück weit verraten von ihrer Umgebung. Sie selbst muss endlich einen Platz für sich im Leben finden.

Enid (Thora Birch)

Doch Enid scheint nicht zu suchen, sie steckt fest in ihrer Lethargie, die sich stellenweise auch auf den Zuschauer überträgt. Und so stehe ich ihrem Charakter zwiegespalten gegenüber: Die Phase der Orientierungslosigkeit ist nachzuvollziehen; doch Enid ist enttäuscht von ihrer Umgebung, weil die sich weiterentwickelt. Sicherlich werden Rebecca und Seymour ihre Erfüllung nicht bei der Arbeit in einem Starbucks-Verschnitt bzw. in der Beziehung zu einer unpassenden Frau finden; doch immerhin probieren sie es aus, unternehmen etwas.

So ist Enids Stillstand nicht immer einfach anzusehen, doch gerade dadurch zeichnet sich „Ghost World“ aus: Die Figuren haben Fehler, verhalten sich wie Menschen und schaffen es deshalb, den Zuschauer zu bewegen. Das funktioniert so gut, weil Regisseur Terry Zwigoff ein fantastisches Ensemble vor seiner Kamera versammelt hat. Thora Birch spielt so großartig, dass man sich ernsthaft fragen muss, wieso es mit ihrer Karriere nach American Beauty und „Ghost World“ nicht so recht klappen wollte. Steve Buscemi scheint die Rolle des Seymours auf den Leib geschrieben zu sein und Scarlett Johansson spielt eine dieser leicht depressiv vor sich hinlebenden Figuren, die sie so gut spielen kann (Lost In Translation).

Mit „Ghost World“, einer Verfilmung des gleichnamigen Comics von Daniel Clowes, ist Zwigoff ein manchmal unbequemer, aber berührender und witziger kleiner Film gelungen, der wie kaum ein anderer die Stimmung der Orientierungslosigkeit vor dem Erwachsenwerden vermittelt.

8/10

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