Hanna

Eine eisige Landschaft, schneebedeckt soweit das Auge reicht. Inmitten der Wälder: Ein Rentier und Hanna, gekleidet in Fellen, ausgerüstet mit Pfeil und Bogen. Sie zielt, schießt und trifft, das Rentier startet einen verzweifelten, hoffnungslosen Sprint um sein Leben, bricht schließlich zusammen. Hanna steht vor dem sterbenden Tier, sagt „I just missed your heart“ und jagt eine Kugel in seinen Kopf.

Hanna (Saoirse Ronan) ist ein 16-jähriges Mädchen, von ihrem Vater Erik (Eric Bana) großgezogen in der Einsamkeit Finnlands. Die langen Jahre ohne weiteren Menschenkontakt waren ihre Ausbildung zur Kampfmaschine: Hanna kann mit Waffen umgehen, sich verteidigen und sie kann töten. Sie spricht Englisch, Deutsch (wenn auch in der Originalfassung mit seltsamen Akzent), Spanisch, Arabisch und vermutlich noch einige Sprachen mehr. Doch ihr Alltagswissen ist auf auswendige gelernte Lexikoninformationen begrenzt.

Warum Hanna jahrelang in der Wildnis traniert wird, bleibt zunächst unklar. Doch dann fühlt sie sich reif genug, will raus aus dem unendlichen Schnee. Sie stellt sich ihrem übermächtigen Gegner: Der CIA-Agentin Marissa (Cate Blanchett), die vor Jahren für den Tod von Hannas Mutter verantwortlich war und nun alles daran setzt, auch Hanna und ihren Vater zu erwischen.

Grundvoraussetzung für „Hanna“ ist wohl zunächst, das man als Zuschauer das Thema „teenager assasin“ nicht vollkommen lächerlich findet. Regisseur Joe Wright nimmt sein Thema immerhin sehr ernst und sieht „Hanna“ mehr als Drama mit Actionszenen denn als reinen Actionfilm. Tatsächlich ist Hannas Charakter komplex, von Unsicherheiten geplagt und in der realen Welt – trotz all ihrer Fähigkeiten – heillos überfordert. Ronan, die sich schon 13-jährig in Wrights „Atonement“ ihre erste Oscarnominierung erspielte, trägt den Film mühelos. Trotz hervorragender Darsteller bleiben die restlichen Charaktere leider bloße Stereotypen. Gerade Blanchetts Marissa wirkt wie der böse Gegner eines 80er-Jahre-Verschwörungsthriller. Trotzdem bereitet es Vergnügen, Blanchett in ihrer badass-Rolle zuzusehen, auch wenn es öfter so wirkt, als spiele sie Tilda Swinton, die wiederum eine CIA-Agentin spielt.

Beeindruckend sind Wrights Bilder, die gerade zu Beginn in der Schneelandschaft und im großen Finale im verlassenen Vergnügungspark Spreewald bei Berlin zu überzeugen wissen. „Hanna“ ist optisch ein wahrer Augenschmaus, die Inszenierung verspielt, scheint aber gerade in Actionszenen oftmals mehr Musikvideo zum dröhnenden Chemical Brothers-Score zu sein.

Die Geschichte vom Mädchen, das in die große weite Welt aufbricht, erinnert oftmals an einen Märchenfilm. Ja, im Grunde liefert Wright mit „Hanna“ ein Actionmärchen ab. Blanchetts Marissa ist dabei die böse Stiefmutter oder wahlweise der böse Wolf. Herausragend ist dabei eine Szene im Vergnügungspark, in der sie aus dem weit geöffneten Maul eines Wolfes tritt. Auch dass das Märchenhaus der Gebrüder Grimm ein wichtige Rolle im Verlauf des Films einnimmt, ist bezeichnend.

Wie man sieht, mochte ich einiges an „Hanna“. Und obwohl hervorragend gespielt, interessant inszeniert und mitreißend musikalisch untermalt, bleibt „Hanna“ letztlich ein mittelmäßiger Film. Zum einen kommt im Verlauf des Films kaum Spannung auf – ich habe das Geschehen interessiert verfolgt, doch nie mitgefiebert -, zum anderen – und das erklärt sicherlich die fehlende Spannung – ließen mich die Figuren kalt. „Hanna“ öffnet und schließt mit dem Satz „I just missed your heart“ – wie recht sie hat.

6/10 

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