Birth

Zum Zeitpunkt seines Erscheinens wurde „Birth“ von Kritikern zerrissen; Nicole Kidman musste bei den Filmfestspielen in Venedig gar Buhrufe über sich ergehen lassen. Ausschlaggebend für diese Reaktionen waren wohl vor allem zwei Szenen des Films: In der einen sitzt Kidmans Figur Anna – scheinbar völig nackt – mit dem zehnjährigen Sean (Cameron Bright) in einer Badewanne, in der anderen küssen sich die beiden. Doch wer „Birth“ auf diese Szenen reduziert, der tut Regisseur Jonathan Glazer (Sexy Beast) Unrecht. „Birth“ ist ein unbequemer Film über scheinbar grenzenlose und vor allem schmerzhafte Liebe, der handwerklich tief beeindruckt.

Schon die Eröffnungsszene zeigt, wie stilsicher Glazer arbeitet: Die Kamera folgt minutenlang einem Jogger im verschneiten Central Park. Die Musik von Alexandre Desplat (Moonrise Kingdom) begleitet ihn mit fröhlichen Tönen. Doch dann erfolgt ein Schnitt. Die Kamera verfolgt nicht mehr, sie wartet unter einer Brücke auf den Jogger. Das helle Weiß des Schnees ist einem tiefem Schwarz gewichen, die Musik wird pompöser, bald bedrohlich. Als der Jogger ankommt, man kann es ahnen, bricht er zusammen und stirbt unter der Brücke.

Besagter Jogger war Sean, der Ehemann von Anna. Zehn Jahre später scheint sie über seinen Tod immer noch nicht vollkommen hinweg gekommen zu sein. Doch mit Joseph (Danny Huston) hat sie einen neuen Mann an ihrer Seite, den sie zu heiraten plant. Dann taucht der zehnjährige Sean auf und behauptet, Annas verstorbener Ehemann zu sein. Während Annas Familie den Jungen anfangs wenig ernst nimmt, beginnt Anna ihm zu glauben, bis sie schließlich will, dass er tatsächlich Sean ist.

Dabei löst die Beziehung zwischen Anna, die sich erneut in Sean verliebt, und dem Kind unangenehme Gefühle aus. Assoziationen mit Pädophilie und Kindesmissbrauch lassen sich da kaum vermeiden. Doch Glazer erzählt in „Birth“ eher von unendlicher, geradezu obsessiver Liebe: Anna kann nach zehn Jahren immer noch nicht anders, als Sean zu lieben. Und auch der junge Sean scheint besessen von Anna zu sein. Ob er dabei tatsächlich die Reinkarnation des Ehemanns oder nur ein Lügner ist, erhält die Spannung des Films zwar aufrecht, ist aber letztlich irrelevant. Die Auswirkungen auf das emotionale Leben von Anna sind in jedem Fall verheerend.

Die Geschichte von „Birth“ ist außergewöhnlich und vermutlich nicht jedermanns Sache. Doch inszenatorisch macht Glazer alles richtig. Er nimmt der Stadt New York und seinen Figuren jegliche Farbe und lässt sie dadurch kalt, manchmal gar leblos erscheinen. Erst der kleine Sean belebt die so geordnete Welt, in dem er sie durcheinander bringt und die Gefühle der Figuren aufwirbelt. In der beeindruckendsten Szene des Films sehen wir dann Anna in der Oper. Die Kamera hält zwei Minuten lang regungslos auf ihr Gesicht. Ohne Worte versteht man sofort, dass sie sich ihrer Gefühle gegenüber Sean, deren Unmöglichkeit und Fatalität, aber genauso deren Unabänderlichkeit bewusst wird.

Kidman (Rabbit Hole) spielt gerade in dieser Szene anbetungswürdig, glänzt aber den ganzen Film über. Zusammen mit der die emotionalen Themen des Films so hervorragenden untermalenden Musik – das Glück hält nicht lange an, bald folgt die Bedrohung, die Unsicherheit, die innere Hektik und letztlich die Trauer – macht sie den Film zu einem unterschätzten Filmereignis, das mehr als pseudo-skandalöse Szenen und einer vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Handlung zu bieten hat.

8/10

Ein Nachtrag: Mehr als ein Jahr später hat mich „Birth“ immer noch nicht ganz losgelassen. In meiner Wahrnehmung war der Film zum unterschätzten Meisterwerk herangereift, ich musste ihn also nochmals sehen. Noch weniger als beim ersten Mal konzentrierte ich mich auf die Frage, wer denn der junge Sean nun ist. Viel beeindruckender ist wie Jonathan Glazer die so schmerzhafte Kombination von Liebe und Trauer in den Mittelpunkt seines Films stellt. Anna kann nicht anders, als Sean zu glauben. Ihn als Lügner abzustempeln würde bedeuten, sich endgültig von ihrem Mann zu verabschieden, und das kann sie auch nach zehn Jahren noch nicht.

Jonathan Glazer schuf mit „Birth“ eine außergewöhnliche, aber doch tiefgreifende filmische Aufarbeitung von Trauer. Seine Karriere als Regisseur, die nach „Birth“ brach zu liegen schien, kann er bald auch endlich fortsetzen: Die Science-Fiction-Verfilmung „Under the Skin“ mit Scarlett Johansson ist zumindest abgedreht und braucht nur noch einen Verleih.

9/10

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