Rope

Hitchcock (Psycho) selbst bezeichnete sein 1948 entstandenes Werk „Rope“ als „failed experiment“, doch der im Deutschen mit „Cocktail für eine Leiche“ betitelte Film fesselt auch noch mehr als 60 Jahre nach seiner Entstehung und kann auch auf handwerklicher Ebene überzeugen.

Die in Echtzeit zu beobachtende Geschichte stellt die beiden Studenten Brandon (John Dall) und Phillip (Farley Granger, Strangers On A Train) in den Mittelpunkt. In der Eröffnungsszene strangulieren sie ihren Freund und Mitstudenten David Kentley, nur um kurz darauf eine Cocktailparty in ihrer Wohnung – dem Tatort – abzuhalten. Eingeladen sind Davids Freundin Janet (Joan Chandler), deren Exfreund Kenneth (Douglas Dick), der mit dem Toten gut befreundet war, Davids Eltern, sowie Rupert Cadell (James Stewart, Vertigo, Rear Window), der Mentor der Studenten und gleichzeitig die geistige Inspiration für den Mord.

Dieser geschieht nämlich nur, um zu beweisen, dass es den perfekten Mord gibt. Brandon und Philipp platzieren Davids Leiche gar in einer Truhe, die als Tisch für das Buffet dient, und fordern die Gäste – insbesondere Cadell – damit regelrecht auf, ihre Tat aufzudecken. Schon zu Beginn erweist sich Brandon dabei als Drahtzieher des Mordes, während Phillip im Laufe der Party seine Unsicherheiten immer schlechter zu verstecken weiß.

Für Hitchcock war „Rope“ tatsächlich ein Experiment: Der Film ist sein erster in Farbe, noch dazu wollte er ihn so aussehen lassen, als wäre er in einem einzige Shot entstanden. Da Filmrollen in den 40er Jahren nur eine Laufzeit von zehn Minuten hatten, besteht „Rope“ letztendlich aus zehn einzelnen, langen Einstellungen. Die Idee, den Zuschauer an der Handlung in Echtzeit teilhaben zu lassen, konnte aber technisch überzeugend umgesetzt werden. So wird dieser Eindruck durch ein hervorragendes Set-Design – der Film spielt ausschließlich im Apartment der Studenten – verstärkt. Die große Fensterpartie des Zimmers zeigt die Skyline von New York, die sich im Laufe des Abends mit der untergehenden Sonne zunehmend verdunkelt.

Neben den technischen Aspekten ist „Rope“ auf inhaltlicher Ebene nicht nur fesselnd, sondern stellt den Zuschauer auch vor ein moralisches Dilemma: Zwar sind Brandon und Philipp Mörder, doch gleichzeitig ist man fasziniert von der Idee des perfekten Mordes. Obwohl die Motivation zum Mord pervers ist – die Studenten glauben an die Legitimation von Übermenschen im Sinne Nietzsches, „niedere Menschen“ töten zu dürfen -, ertappt man sich als Zuschauer dabei, zu hoffen, dass der Mord unentdeckt bleibt. Besonders gelungen ist in dieser Hinsicht eine minutenlange Szene, in der die Kamera statisch die Haushälterin Mrs. Wilson (Edith Evanson) dabei beobachtet, wie sie Essen, Geschirr und Kerzen von der zum Sarg umfunktionierten Truhe abräumt; die Gefahr der Entdeckung der Leiche wächst dabei, die Spannung ebenso.

Mein einziger Kritikpunkt an „Rope“ ist der Zeitverlauf: Die eigentliche Party dauert nur etwa 45 Minuten, das Essen wird schon abgeräumt, bevor wirklich eine der Figuren gegessen hat. Dadurch wurde ich das unbestimmte Gefühl nicht los, von Hitchcock betrogen worden zu sein. So funktioniert das Echtzeit-Element auch technischer Ebene; auf inhaltlicher aber nur bedingt.

Trotzdem ist „Rope“ ein spannender und nicht zuletzt ein im historischen Kontext interessanter Film. Er warnt vor dem Missbrauch der Übermensch-Idee und reflektiert damit die Ideologie einer Herrenrasse zur NS-Zeit. Noch dazu steht im Mittelpunkt des Films ein scheinbar homosexuelles Paar, was zu Zeiten des Production Codes in Hollywood eigentlich ein Fall für die Zensur war.

So ist „Rope“ zwar weder ein gescheitertes Experiment Hitchcocks noch eines seiner Meisterwerke. Doch ein exzellenter Film ist „Rope“ allemal.

8/10

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