The Tree Of Life

„The Tree Of Life“ ist ein Film über alles – das Leben und den Tod, die Liebe, Trauer und Schmerz, Kindheit, Heranwachsen, die Natur und das Universum. Ein Film über alles ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt; doch selten war ein Scheitern spektakulärer, beeindruckender und schöner anzusehen als hier.

Terrence Malick erzählt in seinem erst fünften Spielfilm in fast 40 Jahren als Regisseur keine gewöhnliche Geschichte. Ausgangspunkt ist der mittlerweile erwachsene Jack O’Brien (Sean Penn, 21 Grams), der über den Tod seines Bruders, der 19-jährig vermutlich im Krieg umgekommen ist, nicht hinwegkommt. Er stellt sich Fragen nach dem Kern der Menschheit, gar dem Sinn des Lebens, der Rolle einer göttlichen Macht und muss immer wieder an seine Kindheit zurückdenken. Diese verlief in einem Texas der 50er Jahre scheinbar idyllisch. Doch gerade der Vater (Brad Pitt, Inglourious Basterds), der seine Leidenschaft für Musik zugunsten eines festen Einkommens aufgegeben hat, erzieht seine Söhne mit strenger Hand. Die Mutter (Jessica Chastain) dagegen erscheint in Jacks Erinnerungen an die Kindheit geradezu als Heilige.

Um sich den existenziellen Fragen des Menschseins zu widmen, reiht Malick nicht nur Erinnerungsfetzen an die Zeit des Heranwachsens aneinander, er inszeniert in einer an Schönheit kaum zu überbietenden Sequenz gar den Ursprung und die Entwicklung des Universums. Vom Urknall über die Ursuppe bis zur Zeit der Dinosaurier und dem alles vernichtenden Meteoriteneinschlag spart „The Tree Of Life“ nichts aus. Malick zeigt die Gewalt der Natur, die sich nimmt, was sie haben will. Jack muss erfahren, dass der Mensch selbst Teil der Natur ist, und damit die Gewalt zwangsläufig in sich trägt: Wie es Kinder tun, verletzt er seinen Bruder und quält Tiere. Doch gleichzeitig ist er schockiert von sich selbst, widersprechen seine Handlungen doch dem Ideal seiner Mutter. Diese wird im Gegensatz zur Vaterfigur zu personifizierten Gnade hochstilisiert.

„Grace doesn’t try to please itself. Accepts being slighted, forgotten, disliked. Accepts insults and injuries. The nuns taught us that no one who loves the way of grace ever comes to a bad end.“

Seine Erfüllung findet Jack schließlich in der Schönheit der Welt und in der Liebe: „The only way to be happy is to love. Unless you love, your life will flash by.“ Der Weg zu dieser vielleicht plumpen und doch nicht so unwahren Antwort auf die Frage allen Seins ist ein cinematographischer Augenschmaus: Malick gibt dem Zuschauer das Gefühl, den intimsten Momenten der Familie O’Brien beizuwohnen. Die Kamera hält kaum einmal still, ist meistens auf der Höhe eines Kindes angesetzt. Sie blickt sich um und sieht immer wieder in den Himmel, als suche sie dort die Antworten auf die Wirren des Lebens. Dialoge werden dem Zuschauer über die fast 140 Minuten aber nahezu verwehrt. Malick paart die atemberaubenden Bilder mit opulenter Musik und Stimmen der Charaktere aus dem Off, die ihr Leben hinterfragen.

Mit „The Tree Of Life“ schuf Malick eine einmalige Kinoerfahrung, die mehr Kunstfilm als erzählender Spielfilm ist. „The Tree Of Life“ ist anstrengend und ätzend, geht mit seiner überbordenden Spiritualität und den manchmal überhand nehmenden Naturaufnahmen auf die Nerven und ist trotzdem wunderschön und herzerwärmend. Ich habe „The Tree Of Life“ geliebt und gleichzeitig gehasst wie kaum einen anderen Film. Und dennoch bin ich froh, ihn gesehen zu haben.

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