Short Cuts

Zu Beginn herrscht Krieg: Hubschrauber fliegen über die Stadt, sie lärmen sich ihren Weg durch die Nacht und verspritzen Gift. L.A. wird von einer Fliegenplage heimgesucht, den Insekten gilt der Krieg, doch die Menschen bekriegen sich ebenso. In Short Cuts gewährt Robert Altman (Gosford Park) kurze Einblicke in das Leben einer bunten Palette an Charakteren, zeigt Alltag und Außergewöhnliches und lässt sie eine emotionale Achterbahnfahrt erleben.

Um die 20 Figuren durchleben Beziehungskrisen und werden von ihrer Vergangenheit eingeholt, sie hoffen auf bessere Zeit und werden doch enttäuscht, sie müssen mit Verlusten umgehen und ihr Leben weiterleben. Altman fokussiert dabei immer auf Paarbeziehungen: Die eine Ehe ist am zerbrechen, weil er die Nächte immer öfter nicht zu Hause verbringt, in der anderen steht ein drei Jahre zurückliegender Seitensprung zwischen Mann und Frau. Ein Paar hat Angst um seinen Sohn, der von einem Auto angefahren wurde, eine weitere Ehe geht am Alkohol zu Grunde. Auch diverse Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern sind ein Scherbenhaufen: Die Kinder fühlen sich vernachlässigt, wurden oder werden von den Eltern kaum beachtet. Sollte es Versuche geben, die Beziehungen zu retten, sie sind zum Scheitern verurteilt.

Altman verknüpft seine Handlungsfäden nur lose und doch virtuos. Manche Charaktere sind durch die Handlung miteinander verbunden, andere laufen sich nur über den Weg, wieder andere sind durch gemeinsame Gefühle verknüpft. Die einzelnen Szenen sind kurz – nicht umsonst heißt der Film Short Cuts -, sie wirken geradezu beiläufig und werden durch einen harten Schnitt durch die nächste Szene abgelöst. Die zahlreichen Charaktere und die kurzen Handlungsfetzen fordern die Geduld des Publikums: Nur nach und nach offenbaren sich Zusammenhänge. Doch Altman hat Zeit, mehr als drei Stunden nimmt er sich, und so werden aus den kurzen Einblicken in das Leben Fremder Charakterportraits.

Ein fast ausnahmslos fantastisches Darstellerensemble (Andie MacDowell trübt den Gesamteindruck etwas) haucht den von Raymond Carver geschaffenen Charakteren Leben ein: Lily Tomlin und Tom Waits harmonieren perfekt als saufendes Trailer-Trash-Ehepaar, Julianne Moore überzeugt nicht nur in ihrer berühmten unten-ohne-Streitszene, Jack Lemmon gibt rührend den entfremdeten Vater.

Am Ende erschüttert ein Erdbeben die sich im emotionalen Krieg befindenden Bewohner L.A.s. Für die einen scheint das Naturereignis eine Strafe zu sein, andere erleben eine Katharsis. Unabhängig vom jeweiligen Ausgang der Geschichte hat Altman mal wieder getan, was er am besten kann: Eine Gesellschaft bis aufs Skelett seziert.

9/10

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