I Am Love (Io sono l’amore)

Das Poster zu I Am Love machte mich neugierig auf den Film: Es etabliert ein Setting in gehobener Gesellschaft und positioniert Tilda Swinton als zentrale Figur. Die leidenschaftlich geschwungene Schrift harmoniert mit Swinton, doch sie verdeckt die Gesichter der anderen. Mit ihrem leuchtend roten Kleid ist Swinton zwar der Mittelpunkt, gleichzeitig hebt es sie von den anderen ab, macht sie zur Außenseiterin. Wie sich zeigen wird, verrät das Poster damit einiges über den Film.

Swintons Figur heißt Emma, sie ist eine Russin, die vor langer Zeit in einen italienischen Industriellenclan eingeheiratet hat und nun mit ihrem Mann Talcredi Recchi (Pippo Delbono) in Mailand lebt. Die drei gemeinsamen Kinder sind mittlerweile erwachsen. Emma erfüllt ihre Aufgabe und organisiert gesellschaftliche Events, scheint die perfekte Hausfrau zu sein. Doch sie wirkt seltsam apathisch und distanziert von ihrem Familienmitgliedern. Beim Geburtstag des schwer kranken Patriarchen Edoardo Recchi Sr., der die Leitung des Unternehmens an Emmas Mann Talcredi und ihren Sohn Edoardo (Flavio Parenti) abgibt, zieht sie sich nach dem Essen direkt zurück. Als Emma Antonio, einen Freund ihres Sohnes kennenlernt, beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre mit ihm und bricht damit aus dem starren System der traditionsreichen Familie aus.

Wie die Schrift im Poster andeutet, ist Emma die einzige, die sich ihrer Leidenschaft komplett hingibt. Zwar lebt auch ihrer Tochter mit einer Frau zusammen, versteckt dies aber vor einem Großteil der Familie. Gerade Emma, die, wie die Außenseiterposition im Bild signalisiert, nie ein echter Bestandteil des Recchi-Clans gewesen zu sein scheint, kann sich diese Leidenschaft nicht leisten.

Tilda Swinton (Michael Clayton) glänzt in ihrer Rolle der Emma. Ohne Worte verrät ihr Gesicht, dass sie sich in der Familie unwohl fühlt. Sie deutet an, dass sie früher, bevor sie sich der steifen Gesellschaft anpasste, eine andere Person war. Zudem sorgen die hervorragende Ausstattung und beeindruckend Cinematographie für einen optischen Augenschmaus.

Doch leider ist I Am Love so voll von Klischees, so überladen von Symbolen, so übertrieben melodramatisch, dass nicht viel mehr als ein schön anzusehender Film bleibt. Bis auf Emma sind die Figuren eindimensional – gerade die lesbische Tochter ist ein Ärgernis -, jeder Kurzhaarschnitt, jede Naturaufnahme, jedes meisterhaft zubereitete Essen symbolisiert Rebellion und die Wiederentdeckung der Leidenschaft, die Musik ist opulent, wo Opulenz nicht angebracht ist.

So bleibt von I Am Love ein einziger interessanter Charakter, eine glänzende Tilda Swinton, schön anzusehende Bilder – und ein fantastisches Poster.

6/10

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