The Sweet Hereafter

The Sweet Hereafter ist einer der wenigen Filme, die auf rottentomatoes eine Kritikerzustimmung von 100 % vorweisen können. Die Verfilmung eines Romans von Russell Banks zeigt eine Kleinstadt in Kanada, deren Kinder bei einem Schulbusunfall fast alle sterben. Atom Egoyan drückt in seinem zweifach oscarnominierten Film dabei nicht auf die Tränendrüse; er präsentiert eine Kleinstadt und ihre Bewohner, die von Trauer und Wut getrieben werden, die auf der Suche nach einem Schuldigen sind, den es nicht gibt.

Um diesen Schuldigen zu finden, um „die Wut zu lenken“, kommt der Anwalt Mitchell Stevens (ein grandioser Ian Holm) in die verschneite Stadt. Er will die Eltern der verstorbenen Kinder vereinen, um zusammen gegen das Busunternehmen zu klagen. Doch seine Ankunft im kleinen Ort bringt den natürlichen und doch nie enden wollenden Heilungsprozess der Gemeinde durcheinander. Wovon dieser hartnäckige Anwalt getrieben wird, ist eine der spannendsten Fragen des Films. Als wir Mitchell zum ersten Mal sehen, steckt er in einer Autowaschanlage fest und bekommt einen Anruf von seiner Tochter, die er selbst längst verloren hat. Sie ist ein Junkie, ruft immer wieder an, um Geld zu bekommen. Seine Anstrengungen im Fall des Busunfalls wirken wie ein verzweifelter Versuch, seine eigene Wut zu lenken, seine eigene Unfähigkeit, den Verlust seiner Tochter logisch zu erklären, zu verarbeiten.

Das Leben sämtlicher Bewohner verändert sich mit dem Unfall: Eine Beziehung geht in die Brüche, die Fahrerin des Busses wird von Schuldgefühlen zerfressen und die 15-jährige Nicole (Sarah Polley, My Life Without Me, Splice, Away From Her), die den Unfall überlebt, aber fortan gelähmt ist, verändert die komplizierte, kranke Beziehung zu ihrem Vater. Immer wieder verwebt Egoyan die Sage vom Rattenfänger von Hameln, der die Kinder der Stadt in den Tod trieb, mit seiner Geschichte. Nicole identifiziert sich mit dem einzig überlebenden Kind, das aufgrund einer Lähmung nicht schnell genug war, den anderen Kindern zu folgen. Ihr bleibt das süße Jenseits versagt, sie muss sich mit den Trümmern der trauernden Gesellschaft und ihren geplatzten Träumen auseinandersetzen.

Egoyan zerstückelt seinen Film, springt von Vergangenheit über Gegenwart bis zur Zukunft, verwirrt aber trotzdem nie. Die zeitliche Chronologie ist durcheinander, die emotionale aber schlüssig. Seine berührende und stellenweise verstörende Geschichte zeigt er in wunderschönen Bildern, die die kanadische Winterlandschaft, aber auch die von Trauer durchzogenen Häuser gekonnt einfangen. Einzig die musikalische Untermalung, vor allem die schmerzerzeugenden Ethno-Folk-Klänge, finden sich als Kritikpunkt.

The Sweet Hereafter besticht durch seine Charaktere, deren Handlungen wir zwar beobachten können, deren Beweggründe wir uns aber aus Gezeigtem und nicht Gezeigtem selbst erschließen müssen. Keine der Figuren lässt sich in eine Schublade einordnen, viele befinden sich in einer moralischen Grauzone, gerade dadurch lassen sie mich auch nach dem Abspann nicht mehr los.

9/10

And the Piper advanced and the children followed,
And when all were in to the very last,
The door in the mountain-side shut fast.
Did I say, all? No! One was lame,
And could not dance the whole of the way;
And in after years, if you would blame
His sadness, he was used to say,
„It’s dull in our town since my playmates left!
I can’t forget that I’m bereft
Of all the pleasant sights they see,
Which the Piper also promised me.“

– Auszug aus „The Pied Piper of Hamelin“ von Robert Browning

Advertisements