12 Angry Men

Am Anfang stehen die Schlussworte des Richters nach einem sechstägigen Prozess: Ein 18-jähriger Puertoricaner ist angeklagt, seinen Vater, unter dessen Schlägen er jahrelang gelitten hat, mit einem Messer erstochen zu haben. Der Richter weist die 12 Geschworenen darauf hin, dass sie nun einheitlich zu einem Urteil kommen müssen. Mit dem Urteil „schuldig“ wartet auf den Angeklagten der elektrische Stuhl. Sollten allerdings Zweifel an seiner Schuld bestehen, ist der Angeklagte freizusprechen.

Die Kamera folgt nun den zwölf Männern in den Geschworenenraum und wird diesen bis zum Schluss auch nicht mehr verlassen. Zwei Zeugenaussagen und eine seltene Tatwaffe lassen den Fall klar erscheinen. Bei der ersten Abstimmung halten elf der Männer den Angeklagten für schuldig, doch einer, Geschworener #8 (Henry Fonda), stimmt für „nicht schuldig“. Zwar ist der nicht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt, er will jedoch über das Leben eines Menschen zumindest diskutieren. Am heißesten Tag des Jahres in New York prallen im engen Geschworenenraum zwölf unterschiedliche Persönlichkeiten mit verschiedenen Einstellungen und Vorurteilen aufeinander: Es gibt den braven Bankangestellten, der sich zunächst keine eigene Meinung zutraut (John Fiedler), den erfolgreichen Geschäftsmann, der seine Enttäuschung über seinen Sohn in das Urteil einfließen lässt (ein großartiger Lee J. Cobb), den ausschließlich rational argumentierenden, ziemlich steifen Aktienhändler (E.G. Marshall), den Mann, der eine ähnliche Kindheit wie der Angeklagte hatte (Jack Klugman), den Marmeladenhändler, der keine eigene Meinung hat, sondern nur so schnell wie möglich zu einem Baseballspiel will (Jack Warden), den Rassisten, der den Angeklagten allein aufgrund seiner sozialen Situation für schuldig hält (Ed Begley) oder den jungen Werbemann, der sich vor allem der Mehrheit anschließt und als frühe Version Don Drapers daherkommt (Robert Webber). Über die einzelnen Figuren erhalten wir nur wenige Information, doch sie reichen aus um sie in unseren Köpfen zu Charakteren wachsen zu lassen. Dadurch entsteht nicht nur ein fesselndes Gerichtsdrama, sondern vor allem eine spannender Einblick in gruppendynamische Vorgänge.

12 Angry Men ist letztlich ein Film über Manipulation. Geschworener #8 wendet Mittel der Manipulation an, um seine Minderheitenmeinung der Mehrheit näher zu bringen. Doch der Film manipuliert auch das Publikum. Die Fakten sprechen schließlich alle gegen den Angeklagten, doch sein kurz zu sehendes, unschuldiges Gesicht lässt erste Zweifel aufkommen. Schließlich – und das mag gezielter Manipulation oder schlampiger Drehbuch-Recherche geschuldet sein – ermittelt einer der Geschworenen sogar selbst im Fall, die Argumentation ist fast ausschließlich spekulativ. Beides ist im Geschworenenraum nicht erlaubt.

Dennoch überzeugt 12 Angry Men. Das ist neben dem fantastischen Ensemble vor allem der Regie Sidney Lumets (Dog Day Afternoon, Network) geschuldet: Um die wahrgenommene Spannung zwischen der Charaktere im Laufe des Film zu erhöhen, verlagerte er die Kameraperspektive immer weiter nach unten, so dass nach und nach die Decke des Raumes zu sehen ist. Der Raum wird enger, die Spannung nimmt zu.

Als Justizdrama ist mir 12 Angry Men zu manipulativ, als Film über Manipulation, über Gruppendynamik in Extremsituationen, über die Interaktion unterschiedlicher Persönlichkeiten ist 12 Angry Men jedoch grandios.

9/10

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