Drive

L.A., nachts: Der Driver (Ryan Gosling) erklärt, dass er genau fünf Minuten im Auto warten wird. Er hat keine Waffe bei sich, er tut nur das, was er kann – fahren. Dann überfallen zwei Männer ein Lagerhaus, der Driver erfüllt seine Aufgabe, die Polizei hat keine Chance. Die ersten Minuten von Drive kommen kühl und kontrolliert daher, sie sind exemplarisch für einen Film, der Handlung und Dialoge auf ein Minimum reduziert und dennoch eine maximale Wirkung erzielt.

Im weiteren Verlauf lernt der Driver (einen echten Namen gönnt ihm der Film nicht) seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan, An Education, Never Let Me GoShame) und ihren Sohn kennen, ist ihretwegen in einen weiteren Überfall verwickelt, welcher allerdings gewaltig schief läuft und befindet sich fortan in einem Strudel aus Gewalt.

Regisseur Nicolas Winding Refn präsentiert Drive diaglogarm, er erzählt nur das Nötigste. Hintergründe haben die Charaktere nicht, sie geben kaum etwas von sich preis. Eine Charakterentwicklung findet ebenso wenig statt. Gerade weil Refn nur Fragmente zeigt und diese so gekonnt in Szene setzt, fesselt Drive. Ob vom Driver, Irene oder all den zwielichtigen Figuren in ihrem Umfeld – der Zuschauer verlangt nach mehr. Dass er letztlich nicht mehr bekommt, schadet dem Film nicht; jeder kann sich selbst mehr erschaffen.

Ebenso reduziert ist der Einsatz von Actionszenen. Anders als der Trailer impliziert, ist Drive ein langsamer Film, der einen hypnotischen Sog entwickelt und statt Spannung eher Anspannung aufbaut, welche sich immer wieder in heftigen Gewalteruptionen entlädt. Im Gegensatz zu dem den Film bestimmenden Minimalismus steht die mit dem Regiepreis in Cannes ausgezeichnet Inszenierung Refns: Drive wirkt wie eine Stilübung, erschafft eine surreale, artifizielle Atmosphäre und unterstreicht dadurch die vorherrschende Kälte. Insbesondere die Musik von Cliff Martinez trägt dazu bei.

Obwohl die Charaktere sehr spartanisch gezeichnet sind, gelingt es einem phantastischen Ensemble aus Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Ron Perlman, Oscar Isaac und Christina Hendricks (Mad Men), ihre Figuren zu beleben. Star des Film ist aber Gosling (Blue Valentine) der den stoischen, scheinbar emotionslosen Antihelden gibt. Driver ist ein Einzelgänger, der Gewalt und ein normales Leben nicht vereinbaren kann, auch nicht vereinbaren will und sich folglich von der Gesellschaft isoliert.

Die Dialogarmut, das langsame Tempo, die Brutalität oder die Kälte des Films kommen vielleicht nicht jedem Geschmack entgegen; Refn hat mit Drive auch keinen meisterlichen Thriller, wohl aber ein Meisterwerk der Stimmung geschaffen.

9/10

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