Before Sunrise/Before Sunset

Bisher habe ich nie über zwei Filme in einem Beitrag geschrieben, doch bei Richard Linklaters Before Sunrise und Before Sunset bietet sich dies an: Beide erzählen die Geschichte von Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy, 2 Days in Paris), zunächst hoffnungslos romantisch, dann erwachsener und in der Realität angekommen.

In Before Sunrise lernen sich Jesse und Celine, beide Anfang 20, in einem Zug nach Wien kennen. Er ist ein durch Europa reisender Amerikaner, sie eine Französin, die auf ihrem Heimweg nach Paris ist. Da die Chemie stimmt, steigen die beiden in Wien aus und verbringen die Abendstunden und die Nacht gemeinsam: Sie reden über die erste Liebe, Ängste ihrer Generation, Wiedergeburt; sie reden über Gott und die Welt und begegnen kauzigen Charakteren. Und dabei, in einer unendlich romantischen Atmosphäre, verlieben sie sich.

Before Sunset setzt die Geschichte neun Jahre später fort. Wieder spazieren die Charaktere durch eine Stadt, diesmal Paris, und diskutieren. Doch die Gedanken umkreisen weniger die großen Fragen des Lebens, sie setzen am Kleinen an – am Leben von Jesse und Celine: Nach und nach offenbaren sie, wie ihr Leben in den letzten Jahren verlaufen ist, bis schließlich alle Schutzmauern eines romantischen Dates einstürzen.

Ich halte Before Sunset für den besseren Film (ja, eine Fortsetzung kann gelungener sein), doch das ändert nichts an der Großartigkeit des Vorgängers: Linklater (Waking Life) dokumentiert den Prozess des Verliebens. Macken werden versteckt; hier und da blitzt die Unsicherheit Jesses, der Neurotizismus Celines hervor, doch Before Sunrise gibt sich komplett der Idealisierung der eigenen Person und der wunderbar romantischen Naivität des ersten Kennenlernens hin. In der nicht ganz so romantischen Wohnzimmeratmosphäre kann das für den Zuschauer bisweilen etwas anstrengend sein, überbordenden Kitsch muss aber niemand ertragen. Dass das nahende Ende der Nacht die einzige dramatische Komponente darstellt, kann – insbesondere im Vergleich zu Before Sunset – als Schwachpunkt angesehen werden; die fesselnden Diskussionen von Jesse und Celine und die bezaubernde Chemie zwischen den Darstellern lassen das aber schnell vergessen.

In Before Sunset sind Jesse und Celine erwachsener – und mit ihnen auch ihre Gesprächsthemen. Romantisierungen halten sich in Grenzen, nur die gemeinsame Nacht schwebt als bittersüße Erinnerung über den beiden. Before Sunset bringt die Charaktere also in die Realität zurück, konfrontiert sie mit gescheiterten Beziehungen und vor allem mit ihrer eigenen Vergangenheit. In ihrem Gegenüber sehen Jesse und Celine nicht nur verpasste Lebenschancen, sondern vor allem das, was sie im letzten Jahrzehnt an sich selbst verloren haben: Unbeschwertheit, ein Stückchen Freiheit, den Sinn für Romantik, vielleicht sogar die Fähigkeit zu lieben?

Wunderbar greift das von Linklater und den beiden Darstellern verfasste Drehbuch Charaktereigenschaften aus dem ersten Teil der Liebesgeschichte wieder auf. Während sich Jesse und Celine in Before Sunrise beim Hören einer Platte noch verstohlene Blicke zuwarfen, ist es jetzt eine Berührung, die Celine zögern lässt. Gerade Celine ist von den vergangenen Jahren gezeichnet. Zwar ist sie immer noch verspielt, charmant und auf ihre Weise verführerisch, doch wenn Jesse sie als wütend, gar als manisch-depressiv bezeichnet, hat er auch nicht ganz Unrecht. Was Ethan Hawke und Julie Delpy aus ihren Charakteren machen, wirkt nicht wie Schauspiel, sondern wie an Natürlichkeit kaum zu übertreffendes Verhalten.

Before Sunrise und Before Sunset ergeben zusammen das Musterbeispiel eines Liebesfilms. Vielleicht macht es mich zum Zyniker, Before Sunset zu bevorzugen, doch dieser ist schlicht besser konstruiert und hat wohl eines meiner liebsten Filmenden zu bieten: Wer kann schon einer Nina-Simone-Imitation von Frau Delpy widerstehen?

Before Sunrise: 9/10
Before Sunset: 10/10 

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