Synecdoche, New York

Zwei Mal hatte ich Synecdoche, New York schon gesehen – verstanden hatte ich den Film nie, doch losgelassen hat er mich auch nicht mehr. Nun also der dritte Versuch: Auf der Suche nach des Rätsels Lösung bemühe ich zunächst Wikipedia um eine Erklärung des Titels und finde heraus, dass eine Synekdoche ein rhetorisches Mittel ist, bei dem ein Wort durch einen Begriff aus dem selben Begriffsfeld ersetzt wird. Ein Beispiel: „Sie leben alle unter einem Dach.“ Gemeint ist natürlich das Haus; das Große wird in diesem Fall durch das Kleine ersetzt.

Der Gegensatz zwischen Großem und Kleinem wird im Film auch thematisiert. Der Theaterregisseur Caden Cotard (Philip Seymour Hoffman, Magnolia, Doubt, The Savages, Mary & Max), depressiv und in ständiger Angst vor Krankheit und Tod lebend, versucht, das Leben als Theaterstück abzubilden. Er erhält ein Stipendium, dass es ihm erlaubt, in einer Lagerhalle New York nachzubauen, was bald gigantische Ausmaße annimmt. Seine Frau Adele (Catherine Keener, Living In Oblivion) ist Künstlerin und sucht die Erfüllung im Kleinen. Ihre Bilder sind bald nicht mehr mit bloßem Auge zu erkennen.

Über Jahrzehnte versucht Caden, sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen auf die Bühne zu bringen. Er engagiert Schauspieler, die ihn und die wichtigsten Personen in seinem Leben spielen. Doch bald sind auch die Schauspieler Teil Cadens Leben, so dass er für sie erneut Schauspieler braucht. In seiner Suche nach Erfüllung in seinem Stück, vergisst Caden mehr und mehr, sein eigenes Leben zu leben, er inszeniert es nur noch und verzweifelt doch daran.

So weit, so gut. In seinem Regiedebüt hat Drehbuch-Gott Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Adaptation, Eternal Sunshine Of The Spotless Mind) vom ewig brennenden Haus über ein jegliche Logik der Zeit sprengendes Tagebuch bis zum apokalyptisch-militärischen Szenario so einige Absurditäten eingebaut, die mich immer wieder über den Film grübeln ließen. Es gibt Anzeichen dafür, dass Caden den ganzen Handlungsverlauf über schläft. Oder dafür, dass er gerade stirbt. (Gerade der Tod ist omnipräsent: In kaum einer Szene findet er keine Erwähnung.)

Welche Interpretation nun zutrifft, ist mir mittlerweile egal. Denn unabhängig davon erzählt Charlie Kaufman vom Leben an sich: Vom Versuch, den Sinn im Leben zu finden; von der Enttäuschung, ihn nicht gefunden zu haben; von der Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit. Immer wieder erklingen Jon Brions wunderschöne Klänge: „I’m just a little person, one person in a sea, of many little people who are not aware of me.“ Das klingt niederschmetternd, geradezu depressiv – und das ist es auch. Und gleichzeitig ist es ein Wachrütteln, ein Aufruf, ein verzweifelter Schrei ins Publikum: Lebe dein Leben!

Und so bin ich nach jedem Anschauen nicht nur verwirrt, sondern zutiefst bewegt. Von Cadens verschwendetem Leben, seiner jahrzehntelangen Liebe zu Hazel (Samantha Morton, The Messenger) und seiner Erkenntnis, die – je nach Sichtweise – zu spät kommt oder auch nicht. Hoffman ist über den gesamten Film ein so herrlich trauriger Anblick, mit Morton gibt er ein tragisch-schönes Liebespaar ab. Die anderen Schauspielerinnen – neben Keener Michelle Williams (Blue Valentine), Emily Watson (Punch-Drunk Love), Jennifer Jason Leigh, Hope Davis (American Splendor) und Dianne Wiest (Hannah And Her Sisters, Rabbit Hole) – tragen in ihren teilweise noch so kleinen Rollen zum Gesamteindruck bei.

Und damit zurück zum titelgebenden rhetorischen Mittel, der Synekdoche. Was Caden im Großen versucht, will Kaufman im Kleinen – dem Medium Film – darstellen: Das Leben. Auch wenn Synecdoche, New York gerade zum Ende recht chaotisch anmutet, ist das Kaufman doch hervorragend gelungen. Sein bisher einziger Film als Regisseur hat emotionalen Höhen und Tiefen, ist verwirrend und chaotisch wie das Leben eben auch.

10/10

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