Mein Filmjahr 2011

Japan erlebt sein Atomunglück, der Euro steckt in einer Krise, Deutschland diskutiert über Herr von und zu Guttenberg und ich schreibe weiter munter über Filme. 94 waren es im vergangenen Jahr, 1,81 Filme pro Woche also. Nun ist es wieder an der Zeit, mein Filmjahr Revue passieren zu lassen: Was hat mich begeistert, was genervt?

Dennis Hopper und Isabella Rossellini in Blue Velvet

Menschliche Abgründe lösten 2011 eine ungeheure Faszination aus: Ob Nina Sayers in Black Swan dem Wahn verfällt, ob George und Martha in Who’s Afraid Of Virginia Woolf am Ende einer einzigen Nacht vor dem Trümmerhaufen ihres Lebens stehen oder ob Jeffrey Beaumont in Blue Velvet in die sexuellen Perversionen einer Vorstadthölle eintaucht – immer wurden menschliche Fassaden eingerissen, immer war ich begeistert und vergab die Höchstwertung. Einen satirischen Umgang mit Abgründen zeigt das Coen-Brothers-Meisterwerk Fargo, bei dem einiges an Blut spritzt, der aber trotzdem ein wohlig-warmes Gefühl erzeugt. Noch wärmer ums Herz wird es mir bei Before Sunrise und Before Sunset, die zusammen den wohl perfekten Liebesfilm ergeben und die Romantik des ersten Kennenlernens, die Unbeschwertheit der Jugend mit dem kontrastieren, was nach fast einem Jahrzehnt noch übrig bleibt. Und schließlich gab ich noch Synecdoche, New York, diesem größenwahnsinnigen, chaotischen Rätsel eines Films die vollen 10 Punkte, weil er verwirrt, weil er berührt, weil ich immer wieder Neues in ihm entdecke.

Gescheiterte Existenzen in Another Year

Neben Black Swan hielt das Kinojahr 2011 noch einige andere Perlen bereit: Mike Leigh schuf mit Another Year einen wunderschönen und doch so bitterbösen Filme über ein glückliches Ehepaar und all ihre hoffnungslos scheiternden Freunde. In Never Let Me Go müssen wir junge Menschen dabei beobachten, wie sie ihr schreckliches Schicksal einfach hinnehmen; und dennoch ist Mark Romaneks Film eine Ode an die Freundschaft, die Liebe und das Leben. Geradezu als Glücklichmacher erwies sich Beginners, in dem sich ein Mann nach 40 Jahren Ehe als schwul outet; die Chancen stehen nicht schlecht, dass Christopher Plummer dafür bald einen Oscar sein Eigen nennen darf. Das krasse Gegenteil dazu stellt Winter’s Bone dar: Debra Granik entführt uns in die Trostlosigkeit der Ozark Mountains, einem fast vergessen Teil der USA, und lässt uns nicht so schnell wieder entkommen. In Certified Copy verwirrt und verzaubert uns Juliette Binoche: Der Film ist eine Diskussion über den unterschiedlichen Wert von Original und Kopie, von Echtheit und Fälschung, verpackt in eine erwachsene Liebesgeschichte.

Zu den außergewöhnlichsten Filmen des Kinojahres gehörte zweifelsohne Terrence Malicks Cannes-Gewinner The Tree Of Life, der mit seinem Vorhaben, das Leben und dessen Ursprung darzustellen, nur scheitern konnte, dies aber immerhin ungewöhnlich schön tut. Welche Absicht hinter dem griechischen Oscarbeitrag Dogtooth steckt, wurde mir zwar nie ganz klar; auf abscheuliche Art faszinierend war dieser verdorbene kleine Film aber doch. Der Preis für den seltsamsten Film des Jahres geht jedoch an das japanische Softporno-Musical Underwater Love, in dem zu Stereo Total-Musik nicht nur getanzt, sondern auch mit schildkrötenähnlichen Fabelwesen geschlafen wird.

Schließlich begeisterten mich noch einige Klassiker und Filme, die es noch werden. Sidney Lumets Mediensatire Network ist auch nach 35 Jahren noch hochaktuell. Mit Hannah And Her Sisters lief Woody Allen zu Höchstform auf und präsentierte einen charmanten, gemütlichen Großstadtneurotikerfilm. Hiroshima Mon Amour ist ein tieftrauriger Film über die Macht der Erinnerungen und reinste Filmpoesie. Ebenso traurig (und fast so poetisch) ist der kanadische Film The Sweet Hereafter, in dem ein Schulbusunfall ein Dorf für immer verändert. Der großartige Paul Thomas Anderson zieht uns in Magnolia in einen Strudel aus menschlichen Fehlern und erlaubt sich ein unerhörtes Finale.

Nackte, staubige Körper in Hiroshima Mon Amour

Auch einige wirklich schlechte Filme blieben mir nicht vorenthalten: Regelrecht verachtet habe ich A Christmas Carol, dessen Existenzgrundlage die Zurschaustellung von 3D-Effekten war. Die Neuverfilmung von Brighton Rock litt vor allem unter einer fürchterlichen Charakterzeichnung, hatte als Pluspunkte aber immerhin Helen Mirren und eine schöne Cinematographie vorzuweisen. Als gänzlich hirnlos, aber immerhin mit einem gewissen Unterhaltungswert versehen erwies sich das Sneak-Preview-Unglück Colombiana. Der nervigste Film des Jahres war Confessions, ein japanischer Thriller in Monologen, dessen artifiziell unterkühlte, das Stilmittel der Zeitlupe geradezu vergewaltigende Inszenierung die eigentlich interessante Geschichte vollständig ruiniert.

Ryan Gosling in Drive

Welche Filme bringt nun das neue Jahr? Hätte ich Drive noch nicht gesehen, wäre die Vorfreude für den Ende Januar startenden Film wohl am größten. Der langsame Thriller, der sich in Handlungs- und Charakterzeichnung minimalistisch gibt, erzeugt durch seine Inszenierung und dominante musikalische Untermalung einen hypnotischen Sog hinein in das düstere Los Angeles.
Meine Erwartungen an Prometheus werden bis zum Filmstart im August wohl ins Unermessliche gestiegen sein: Gute Science-Fiction-Filme sind zwar eine Seltenheit – wenn Alien-Schaffer Ridley Scott höchstpersönlich auf dem Regiestuhl Platz nimmt, könnte das vielleicht-Prequel zur Alien-Reihe („The keen fan will recognize strands of Alien’s DNA“) aber vielleicht doch so episch werden, wie es der Trailer verspricht:

Tilda Swinton in We Need To Talk About Kevin

Ein paar Independent-Filme, die in den ersten Monaten des neuen Jahres starten, sollen auch noch Erwähnung finden: In Take Shelter wird der großartige Michael Shannon (Revolutionary Road) von apokalyptischen Visionen geplagt, in Martha Marcy May Marlene leidet Elizabeth Olson unter den Folgen ihrer Jahre als Sektenmitglied, in We Need To Talk About Kevin hat Tilda Swinton (I Am Love) einen psychopathischen Sohn, der ein High-School-Massaker anrichtet und in Shame gibt Michael Fassbender (Jane Eyre) einen Sexsüchtigen, dessen Leben außer Kontrolle gerät:
Auch wenn Abgründe also auch 2012 ein dominantes Filmthema bleiben – allen ein frohes neues Jahr!