Welt am Draht

Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht gilt als Vorläufer von modernen Science-Fiction-Filmen wie The Matrix oder Cronenbergs eXistenZ, doch über Jahrzehnte war der Film kaum zu sehen. Zur Berlinale 2010 wurde die Fernsehproduktion aus den 70er Jahren restauriert und anschließend auf DVD veröffentlicht.

In Welt am Draht ist es dem Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung gelungen, mit dem Computer Simulacron-1 eine Kleinstadt zu simulieren, die von Simulationseinheiten, ausgestattet mit einem je individuellen Bewusstsein, bevölkert wird. Nach dem Tod von Professor Henry Vollmer übernimmt Fred Stiller (Klaus Löwitsch) dessen Stelle und stellt sich bald die Frage nach der Realität seiner eigenen Welt. Stiller sucht nicht nur die Wahrheit in seiner intrigenreichen Umgebung, sondern auch seine Identität als Mensch – oder doch nur als Simulation.

Zur Veranschaulichung des Kontrastes zwischen Realität und Konstruktion reizt Fassbinder das Motiv des Spiegels (zu sehr) aus. Kaum eine Szene kommt ohne eine Spiegelung der Protagonisten aus. Der Effekt nutzt sich über die mehr als dreistündige Laufzeit zwar zunehmend ab, erzeugt aber gegen Ende die schönste Einstellung des Films: Stiller wird in seiner Realität mit einer Waffe bedroht; die Gefahr spiegelt sich leicht erhöht hinter ihm. Stiller idealisiert die reale(re) Welt, stellt sie in einer Hierarchie über seine eigene und vernachlässigt die unabhängig von der Realitäts– (oder Simulations–)Ebene in seiner Situation zwingenden existenziellen Gedanken.

Fassbinders Welt am Draht ist nicht ganz frei von Längen oder Logikfehlern, überzeugt aber als gedankliches Experiment und – trotz fehlender Special Effects – auch optisch. In Stillers Welt herrscht eine kalte, sterile Eleganz. Die Personen, ihre Kleidung, ihre Sprache wirken manieriert. Uns wird der Eindruck vermittelt, dass das Gesehene nur künstlich sein kann. Doch Fassbinder ist klug genug, dem Zuschauer keinen Vergleich anzubieten. Zu wenig sehen wir von der Welt unter und vor allem über Stiller. Die Idee der Simulation darf also auch in der vermeintlich realen Welt nicht verworfen werden. Und so entsteht die Spannung vor allem im Kopf des Zuschauers und macht Welt am Draht nicht nur filmhistorisch interessant.

8/10

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