Bug

Bug ist der klassische Fall eines Films, der falsch vermarktet wurde: Als neues Werk des Regisseurs von The Exorcist beworben und mit irreführendem Trailer versehen, wurde suggeriert, dass es sich um einen Horrorschocker handelt, in dem Insekten, die sich im Menschen einnisten, eine entscheidende Rolle spielen. Und so wurde das Publikum größtenteils enttäuscht (nur 32 % geben bei rottentomatoes an, den Film zu mögen), der Film floppte an den Kinokassen und wäre vermutlich schnell vergessen gewesen. Doch ein paar Kritiker – unter ihnen Roger Ebert – waren begeistert von Bug; dann gewann Tracy Letts, der Autor des Theaterstücks, auf dem der Film basiert, haufenweise Preise (unter anderem den Pulitzer-Preis) für sein neues Stück August: Osage County, das Interesse an seinen früheren Werken stieg und man erinnerte sich an das kleine, schockierende Drama Bug, das zwischen 1996 und 2005 erfolgreich und mit Kritikerlob in England und den USA aufgeführt wurde. Und man erinnerte sich an dessen Verfilmung, die vielleicht ja doch nicht so schlecht gewesen war.

Und so ging ich mit der Erwartung, ein verfilmtes Bühnenstück über den psychischen Verfall zweier Menschen zu sehen, an Bug heran und wurde nicht enttäuscht. Der Film konzentriert sich auf Agnes (Ashley Judd) und Peter (Michael Shannon). Sie ist Kellnerin, wohnt in einem verdreckten Motelzimmer, ist depressiv und drogenabhängig. Sie lebt in Angst vor ihrem Ex-Mann Jerry (Harry Connick Jr.). Als ihre lesbische Kollegin RC (Lynn Collins) ihr den sonderbaren Peter vorstellt, hat Agnes endlich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Doch bald sieht und spürt Peter überall Käfer, die Teil eines größeren Plans sind – und Agnes glaubt ihm nicht nur, sondern nimmt die Käfer ebenso als Bedrohung wahr.

Bug zeigt den extremen Verlauf einer Folie à deux, einer gemeinsamen psychotischen Störung, bei der die Wahnsymptomatik durch einen nahestehenden Partner übernommen wird. Dass die Geschichte größtenteils glaubhaft ist, liegt an den phantastischen Darstellern: Michael Shannon ist seit Jahren auf extreme, kranke Charaktere abonniert (Revolutionary Road, My Son, My Son, What Have Ye Done) und Ashley Judd legt ihre Agnes von Beginn an so kaputt und einsam an, dass ihr Klammern an Peter die einzig logische Konsequenz zu sein scheint. Beispielhaft ist eine Szene, in der Agnes Geschirr spült: Für mehr als einen Handwisch fehlt ihr die Kraft. Sie ist ausgelaugt, hat kaum mehr Interesse für ihr Leben.

Doch Bug hat auch Schwachstellen: Die Exposition gerät zu lang, der Übergang in den Wahnsinn verläuft dann etwas zu schnell, Agnes Freundin RC wird zu plötzlich abserviert. Und gegen Ende, wenn die Grenze zum Wahnsinn schon meilenweit überschritten ist und Agnes „I am the super mother bug!“ schreit, kann man sich das Lachen doch nicht verkneifen. Aber vielleicht ist das ja in Ordnung: William Friedkin sieht seinen Film immerhin auch als „black-comedy love story“.

Bug ist tatsächlich ein wilder Genremix, dem man seine Wurzeln im Theater anmerkt. Vielleicht sollte man ohne Erwartungen an den Film gehen; auf keinen Fall sollte man einen Horrorfilm erwarten. Dann macht Bug sogar Spaß; heimtückischen, bösen Spaß.

8/10

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