Take Shelter

Dewart (Shea Whigham), der Freund des Protagonisten Curtis LaForche (Michael Shannon), beneidet Curtis‘ Leben: „You’ve got a good life, Curtis. I think that’s the best compliment you can give a man; take a look at his life and say, That’s good.“ Curtis weiß, dass er zufrieden sein kann. Und er ist es auch. Doch er hat Angst, alles zu verlieren. Dass diese Angst für das Publikum spürbar gemacht wird, ist einer der Verdienste von Take Shelter.

Curtis hat Albträume. Immer wieder träumt er von einem großen Sturm, von öligem, gelbem Regen, von seinem Hund und seinen Freunden, die ihn angreifen. Er wacht schweißgebadet auf, versucht, ein guter Ehemann, ein guter Vater für seine taube Tochter und ein guter Arbeiter auf der Baustelle zu sein. Doch auch wenn er nicht schläft, hört er gewaltigen Donner, sieht Blitze, die auf die Erde einschlagen. Er kennt die Diagnose „Schizophrenie“, seine Mutter ist mit Mitte 30, Curtis‘ Alter, daran erkrankt. Er informiert sich, sucht Hilfe beim Arzt, und doch versetzen ihn seine Träume und Wahrnehmungen in Panik. Er ist ständig angespannt und besessen von der Idee, einen Sturmschutzbunker in seinem Garten zu bauen. Er will für Sicherheit für seine Familie sorgen, doch die Zeiten sind schwierig, der Bunker teuer. Curtis steuert unaufhaltsam auf das zu, wovor er die größte Angst hat: den Verlust seiner Familie.

Jeff Nichols, der mit Michael Shannon schon in seinem Debütfilm Shotgun Stories zusammenarbeitete, inszeniert Curtis‘ Träume bedrohlich wie in einem Horrorfilm. Sie sind beklemmend, erzeugen Angst. Auch Curtis wirkt mit seinen markanten Gesichtszügen bedrohlich, er ist in sich gekehrt, doch in ihm brodelt es ständig. Michael Shannon, der Charaktere, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, in vielen Rollen (Bug, Revolutionary Road, My Son, My Son, What Have Ye Done) perfektioniert hat, gibt Curtis aber als guten Mann. Er hat Angst vor sich selbst, seiner Krankheit und Angst um seine Familie. Er erzeugt bei mir Mitleid, bei seinen Mitmenschen dagegen stößt er auf Unverständnis. Jessica Chastain als Curtis‘ Frau Samantha setzt ihre beeindruckende Karriere (The Tree of Life, The Help) mit einer zurückhaltenden Leistung als Ehefrau fort, die für ihre Familie kämpfen will, aber nicht weiß, ob sie das kann.

Bis zum Schluss kam ich nie auf die Idee, dass Curtis Visionen haben könnte, dass vielleicht ja doch eine großer Sturm aufziehen könnte. Aber denkt man darüber nach, ist das wohl möglich. Die letzte Szene bietet Raum für Interpretationen, in jedem Fall spendet sie Hoffnung und schließt einen von mir heißerwarteten Film mit angemessener Größe ab.

9/10

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