Martha Marcy May Marlene

Ohne viel über den Film zu wissen, war ich auf Martha Marcy May Marlene schon seit Jahresbeginn gespannt. In seinem ersten Spielfilm präsentiert uns Regisseur Sean Durkin Häppchen aus dem Leben der jungen Martha (Elizabeth Olsen), die von einer der Manson Family ähnlichen Sekte flieht und fortan bei ihrer entfremdeten Schwester Lucy (Sarah Paulson) und deren Mann Ted (Hugh Dancy) unterkommt. Doch zu einem normalen Leben scheint sie nicht fähig zu sein, sie ist müde, apathisch, immer wieder drängen sich ihr Erinnerungen an die Zeit in der Sekte auf.

Diese wurde von dem charismatisch-unheimlichen Patrick (wie für die Rolle geschaffen: John Hawkes, Winter’s Bone) geleitet. Er gibt wurzellosen jungen Menschen ein Zuhause, doch nach und nach offenbart sich ein Grauen, das unter den Sektenmitgliedern nicht nur akzeptiert, sondern auch gutgeheißen wird.

Durkin gelingt es, Spannung auf beiden Zeitebenen aufzubauen: Der Zuschauer verlangt nach Informationen zum „System“ der Sekte, gleichzeitig suggeriert die Klangkulisse in der Gegenwart Bedrohung. Doch die von Elizabeth Olsen brillant gespielte Martha, Opfer lang anhaltender Traumatisierung, wird zunehmend paranoid. Besteht eine reale Gefahr oder dominieren die Erinnerungen ihr Leben?

Die Frage fesselte mich, und doch fehlte mir etwas in Martha Marcy May Marlene. Vielleicht wartete ich auf den großen Knall, eine alles verändernde Erkenntnis. Beides lieferte Durkin nicht. So wurde ich zunächst enttäuscht, je mehr ich aber darüber nachdenke, desto eher kann ich Durkin zu seiner reduzierten Handlung nur gratulieren. Die Sektenthematik kann, ist sie zu plump inszeniert, schnell unglaubwürdig, übertrieben, schlicht unrealistisch wirken. So hat Durkin ein gelungenes Portrait einer traumatisierten jungen Frau geschaffen.

Nun, ein paar Stunden nach dem Ende des Films, frage ich mich immer noch, ob Martha denn wirklich nur Angst hatte, von der Sekte gefunden zu werden, oder ob irgendetwas in ihr auch darauf gehofft hat. Martha Marcy May Marlene konnte mich nicht begeistern, aber beschäftigen. Vielleicht muss ich den Film ein weiteres Mal sehen, um zu finden, was mir bis jetzt noch in ihm gefehlt hat.

7/10

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