Shotgun Stories

Shotgun Stories begründet seinen Titel gleich in der ersten Einstellung: Gezeigt wird der durch Schusswunden vernarbte Rücken von Son Hayes (Michael Shannon, Bug, Revolutionary Road). Wie genau es zu den Wunden kam, erfährt man nicht, doch man bekommt zumindest eine Ahnung. Son lebt mit seinen Brüdern Boy (Douglas Ligon) und Kid (Barlow Jacobs) – richtige Namen haben sie von einem trinkenden Vater und einer hasserfüllten Mutter nicht bekommen – im südlichen Arkansas, mitten im Nirgendwo. Sie arbeiten auf einer Fischfarm oder als Basketball-Trainer, vertreiben ihre Tage mit Dosenbier auf der Veranda. Als White Trash darf man sie wohl nicht bezeichnen, weit davon entfernt sind die Brüder jedoch auch nicht.

Als ihr Vater stirbt, erscheinen sie auf seiner Beerdigung. Nicht, weil sie trauern, sondern um ein letztes Mal mit ihm abzurechnen. Ihr Vater hat sie früh verlassen, den Alkohol aufgegeben, ist ein Christ geworden und hat eine neue Familie gegründet. Die Halbbrüder von Son, Boy und Kid haben anständige Namen, sind Teil der amerikanischen Mittelschicht und verzeihen Son und seiner Familie seine Ansprache auf der Trauerfeier ihres gemeinsamen Vaters nicht. Zwischen den beiden im Hass gegeneinander erzogenen Familien bricht Gewalt aus, und auf Gewalt folgt Gegengewalt.

Shotgun Stories ist das beeindruckende Regiedebüt von Jeff Nichols, der kürzlich mit seinem zweiten Spielfilm Take Shelter (erneut mich Shannon in der Hauptrolle) ein kleines Meisterwerk vorgelegt hat und in diesen Tagen mit seinem neuesten Werk Mud (neben Shannon sind auch Matthew McConaughey und Reese Witherspoon zu sehen) am Wettbewerb in Cannes teilnimmt. In Shotgun Stories erzählt er eine Geschichte der Rache, er erzählt von einfachen Menschen, die in der Weite Arkansas, inmitten von endlosen Baumwollfeldern und tiefroten Sonnenuntergängen – eingefangen im Cinemascope-Format – kaum noch zu träumen wagen. Ihr Leben scheint festgefahren, viel Hoffnung auf Veränderung gibt es nicht. Hoffnungslos zeigt Nichols das Landleben aber dennoch nicht. Sicher, die Rachezüge sind sinnlos, die Folgen fatal, doch am Ende siegt, für heutige Sehgewohnheiten fast schon revolutionär, die Vernunft. Von dort an ist die Vorstellung vom kleinen Glück im Stillstand – im Frieden – nicht mehr weit entfernt.

Nichols präsentierte mit seinen wortkargen, bedächtigen Shotgun Stories ein vielversprechendes Erstlingswerk, das mit Schönheit überrascht, wo man sie nicht erwartet. Nach erst zwei Filmen erweist sich Nichols als einer der interessantesten Regisseure der USA.

8/10

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