Annie Hall

Alvy Singer (Woody Allen) ist nicht nur neurotisch, zynisch und vom Tod besessen, er lebt auch nach dem Motto „I would never want to belong to any club that would have someone like me for a member.“ Im Leben glücklich zu sein kann da gar kein Ziel sein. Es reicht schon aus, miserable zu sein; immerhin ist das besser als horrible, worunter Alvie „blind people, crippled“ fasst. Beim Tennisspielen lernt er Annie Hall (Diane Keaton) kennen; sie ist vielleicht auch etwas neurotisch, aber voller Leben, unbekümmert. Die beiden werden ein Paar und man könnte meinen, Annie Hall wäre die perfekte romantische Komödie.

Doch Annie Hall ist nicht nur die Geschichte vom romantischen Kennenlernen, dem anfänglichen Verliebtsein, sondern schildert auch die Mühen des Beziehungslebens und letztlich das Scheitern, die Trennung. Woody Allen, der mit dem Film endgültig vom Klamauk-Filmemacher (What’s New Pussycat?) zum ernstzunehmenden Regisseur reifte, erzählt seine Geschichte verspielt, fast schon revolutionär, durch den Einsatz einer ganzen Reihe prägenden Stilmittel. Es spricht direkt zum Publikum, lässt uns in Untertiteln an den Gedanken der Protagonisten teilhaben, lässt diese mit ihrer Vergangenheit interagieren, befragt Statisten nach ihrer Meinung zu Beziehungsproblemen, benutzt Split-Screens und gar Zeichentricksequenzen.

Beide Hauptdarsteller wurden 1978 für den Oscar nominiert (Keaton gewann ihn auch) und beide sind so glaubhaft, dass man sich nicht sicher sein kann, ob sie sich gerade einfach nur selbst spielen. Die Zeit brachte die Wahrheit mittlerweile ans Licht: Allen wiederholte seine Rolle immerhin unzählige Male und ist vermutlich nicht der größte Schauspieler. Doch gerade Keaton verzaubert in all den Phasen der Beziehung.

Annie Hall, mit dessen deutschen Titel Der Stadtneurotiker ich mich einfach nicht anfreunden kann, wurde von Roger Ebert als „everyone’s favorite Woody Allen movie“ bezeichnet. Dem kann ich mich nicht ganz anschließen. Hannah And Her Sisters ist mir noch ein bisschen lieber; andere seiner bedeutenden Filme, wie Manhattan oder The Purple Rose of Cairo habe ich noch nicht gesehen. Doch Annie Hall ist wohl Allen wichtigster Film und eine der besten, weil ehrlichsten, romantischen Komödien noch dazu.

9/10

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