Holy Motors

Wer Holy Motors noch sehen will, sollte nur so viel wissen: Der Film ist eine unberechenbare Wundertüte. Er ist spannend, komisch und vor allem berührend, visuell beeindruckend und, je weiter er voranschreitet, zunehmend grandios. Der Kinostart ist Ende August. Also: Anschauen und dann weiterlesen.

Leos Carax‘ erster Langfilm seit 13 Jahren lässt sich keinem Genre zuordnen. In unterschiedlichen Episoden inszeniert er einen Thriller, ein Sterbedrama, oder auch eine sexuell höchst aufgeladene Motion-Capture-Performance. Allen Episoden gemeinsam ist Denis Lavant als – ja, als wer eigentlich? Einen Großteil der Zeit mimt er Monsieur Oscar, der von seiner Chauffeurin Céline (Edith Scob) von einem Auftrag zum nächsten gefahren wird. Dort spielt er den Auftragskiller, gleichzeitig auch das Opfer, oder den sterbenden alten Mann.

Monsieur Oscar ist ein Schauspieler, doch an seinem Job droht er zu zerbrechen. Die Kameras sind klein geworden, sie sind gar nicht mehr sichtbar. Die Aufträge sind nur einzelne Szenen. Eine eigene Identität scheint Oscar zwischen den Szenen kaum mehr zu haben, so sehr er sich auch danach sehnt. In einer Schlüsselszene singt Kylie Minogue – der Film ist mittlerweile ein Musical – who were we when we were who we were; die Schauspieler in der Realität von Holy Motors sind zwischen all ihren Rollen kaum mehr Individuen. Manchmal möchte Oscar am liebsten sterben – aber ist sterben überhaupt möglich? Und wer müsste eigentlich sterben?

Leos Carax bietet nicht nur ein mehr und mehr unterhaltsames Verwirrspiel um die Identitätssuche eines Helden ohne Gesichts (oder in diesem Fall, mit zu vielen Gesichtern), sondern scheint auch einen Abgesang auf die Magie des alten Kinos auf die Leinwand bringen zu wollen. Dabei zaubert er in fast jeder seiner vielen Episoden magische Kinomoment herbei und schafft mit Holy Motors als Gesamtwerk das wohl schönste Stück Experimentalkino seit langem.

9/10

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