Mary and Max

Mary and Max, der erste Langfilm von Adam Elliott, bleibt dem Stil seines oscarprämierten Kurzfilms Harvie Krumpet treu, schafft es aber – vor allem dank der längeren Laufzeit – die Figuren noch besser zu entwickeln und somit vollends zu überzeugen. Wieder erzählt Elliott Geschichten über Menschen, deren Leben es ihnen nicht einfach macht:

Mary Daisy Dinkle (mit den Stimmen von Bethany Whitmore und Toni Collette), ein Mädchen aus einem kleinen Ort in Australien, hat keine Freunde außer ihrem Hahn Ethel. Wegen eines Muttermals auf ihrer Stirn wird sie in der Schule nur gehänselt. Ihr Mutter ist Alkoholikerin, ihr Vater bringt in einer Fabrik die Papierzettelchen an Teebeutel an und stopft in seiner Freizeit lieber tote Vögel aus, anstatt sich um seine Tochter zu kümmern.

Max Jerry Horowitz (Philip Seymour Hoffman, Magnolia, Synecdoche, New York, The Savages, Doubt), ein fettleibiger New Yorker Mitte 40, leidet am Asperger-Syndrom. Er wünscht sich nichts sehnlicher als echte Freunde. Doch zu sozialen Kontakten ist er nicht fähig, Menschen verwirren ihn. Selbst sein imaginärer Freund Mr. Ravioli sitzt seit Max‘ regelmäßigen Besuchen beim Psychiater nur noch still in einer Zimmerecke und liest.

Wie es der Zufall so will, schreibt Mary eines Tages einen Brief an einen wildfremden Mann, um zu erfahren, ob auch in Amerika, wie in Australien, Babys auf die Welt kommen, in dem sie von ihren Vätern am Boden eines Bierglases gefunden werden. Oder kommen sie in Amerika etwa doch aus Cola-Dosen? Der wildfremde Mann ist Max und aus diesem ersten Kontakt entwickelt sich eine lebenslange, jedoch komplizierte Brieffreundschaft.

In seinen Filmen präsentiert Elliott stets Figuren, die mit dem Leben zu kämpfen haben. Krankheit und Tod sind ihre ständigen Begleiter. Er vollbringt das Kunststück, aus der recht schweren Thematik Komödien zu zaubern – sicherlich bitterböse Komödien, in denen das Lachen oft im Halse stecken bleibt; seine Filme sind aber gerade deshalb so witzig, weil er sich seinen Figuren mit Respekt nähert. Hier werden weder Fettleibige noch Asperger-Patienten vorgeführt. Mit einem Augenzwinkern werden ihre Probleme im Alltag geschildert. Durch ihre Macken, ihre feine Charakterisierung, wachsen sie dem Zuschauer ans Herz, obwohl sie nur kleine Knetfiguren sind.

Die Optik von „Mary and Max“ ist detailreich, durchdacht und beeindruckend: Australien ist in Brauntönen gehalten, New York kommt als grauer Moloch daher. Mit der Ankunft von Briefen von Mary in New York, halten auch die Brauntöne Einzug in die USA. Nur einzelne Farbtupfer durchdringen immer wieder das Bild – wie kleine Flecken Leben in einer trostlosen Umgebung.

In etwa 90 Minuten schafft es Elliott, mehr als 20 Jahre aus dem Leben seiner Charaktere zu erzählen, den Zuschauer zum Lachen und zum Weinen zu bringen und einer ganzen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Er meistert Komödie, Drama und Satire perfekt und erschafft wohl einen der schönsten, liebevollsten Animationsfilme der letzten Zeit. Ein kleines Meisterwerk.

Ab 26. August 2010 im Kino!

10/10

Max: „Unfortunately, in America, babies are not found in cola cans. I asked my mother when I was four and she said they came from eggs laid by rabbis. If you aren’t Jewish, they’re laid by Catholic nuns. If you’re an atheist, they’re laid by dirty, lonely prostitutes.“

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